Mülheim zeigt Ausstellung „Deportiert ins Ghetto“

Die Ausstellung „Deportiert ins Ghetto“ wurde am Dienstag im Haus der Stadtgeschichte eröffnet.
Die Ausstellung „Deportiert ins Ghetto“ wurde am Dienstag im Haus der Stadtgeschichte eröffnet.
Foto: WAZ FotoPool
Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte beleuchtet die ersten Deportationen von Juden aus dem Rheinland 1941 – darunter auch viele Mülheimer Schicksale. Von 3014 Menschen, die in drei Zügen nach Litzmannstadt verschleppt wurden, überlebten nur 36.

Mülheim. 1003 Menschen aus dem Rheinland, darunter 26 aus Mülheim, drängen am 27. Oktober 1941 über die Verladerampe des Güterbahnhofs Düsseldorf in den Zug nach Litzmannstadt (heute Lodz). Sie reisen dritter Klasse in den Tod.

Die Wanderausstellung „Deportiert ins Ghetto“ – erstellt vom Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in NRW – beleuchtet noch bis 25. April im Haus der Stadtgeschichte diesen und zwei weitere Transporte aus Köln. Mit diesen Sammelzügen begann der systematische Mord der Nazi-Barbaren an den Juden in Nordrhein-Westfalen.

Einzig Arbeit garantiert anfangs das Weiterleben

Spätestens 1941 hat das braune Regime die Juden im Land weitgehend registriert und beginnt, sie zu verschleppen. Aus dem Rheinland fahren im Oktober die drei Züge mit 3014 Menschen nach Litzmannstadt. Einen Koffer darf jeder mitnehmen. Im verarmten Stadtteil Baluty hat das Regime vier Quadratkilometer mit Stacheldraht als Ghetto umzäunt. 160.000 polnische Juden drängen sich hier, 20.000 kommen aus dem Westen. Es gibt keine Kanalisation, die Türen der Plumpsklos auf den Höfen werden im ersten Winter verheizt. Die 1003 Menschen aus Mülheim und Umgebung ziehen in zwei Schulgebäude. 54 Menschen teilen sich ein Klassenzimmer: Die Bürokratie führt auch in diesem mörderischen Wahnsinn penibel Listen.

Einzig Arbeit garantiert anfangs das Weiterleben. Kinder und Jugendliche betteln um eine Stelle, sonst gibt es nichts zu essen. Das Überleben sichert Arbeit nicht: Als das Ghetto im August 1944 geräumt wird, sind schon über 100.000 tot, 68.000 Bewohner aus dem Stacheldraht-Stadtteil werden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt.

36 von 3014

Der Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten gibt in der Ausstellung vielen Mordopfern ein Gesicht, zeigt Fotos, Postkarten aus dem Ghetto. Dokumentiert auch, dass die Demütigung der Überlebenden kein Ende nahm: Als der Mülheimer Albert Lucas 1961 Ersatz für seine 1941 verlorene Habe forderte, beschied die Finanzdirektion Düsseldorf, er müsse erst Kaufbelege vorweisen.

Ergänzend präsentiert der Geschichtsverein Mülheim einige Schicksale von Juden, deren Lebensorte heute mit „Stolpersteinen“ markiert sind – bisher über 100. Darunter die Kaufhausbesitzer Emanuel und Betty Brender aus dem Dichterviertel. Beide saßen im Zug nach Litzmannstadt, kehrten nicht zurück.

Eine Stellwand listet die Namen der 3014 Menschen aus den drei Zügen auf, eng geschrieben. An anderer Stelle stehen die Namen der Überlebenden. Die Ausstellungsmacher brauchen nicht viel Platz.

Es sind nur 36.

 
 

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