Mülheim an der Ruhr wird in Ruhrgebiets-Bildband vergessen

Als hätte der Lektor mit Tippex zugeschlagen: Da, wo im Buch über das „neue Ruhrgebiet“ nichts ist, ist in Wahrheit Mülheim. Aber wenn Mülheim nicht Ruhrgebiet ist, was ist es dann? Eine Art Rheinland mit Bergbau-Vergangenheit?
Als hätte der Lektor mit Tippex zugeschlagen: Da, wo im Buch über das „neue Ruhrgebiet“ nichts ist, ist in Wahrheit Mülheim. Aber wenn Mülheim nicht Ruhrgebiet ist, was ist es dann? Eine Art Rheinland mit Bergbau-Vergangenheit?
Foto: Repro
Die Mülheimer werden wohl etwas stutzen: Im Bildband "Was bleibt ist die Zukunft", der das neue Ruhrgebiet zeigt, ist die Stadt Mülheim an der Ruhr nicht existent. Auf der ersten Karte ist zwischen Essen und Duisburg eine Lücke und auch Einträge über die Stadt fehlen gänzlich.

Mülheim. An dem opulenten Bildband „Was bleibt ist die Zukunft“ über das neue Ruhrgebiet werden Mülheimer wohl keine große Freude haben – oder vielleicht gerade doch. Sie denken jetzt sicher an den klassischen Fehler, den überflüssigen Buchstaben im Ortsnamen. Ach, wenn es nur das wäre, das wäre ja noch verschmerzbar. Mülheim ist in diesem Band, der für 36 Euro im örtlichen Buchhandel erhältlich ist, aber der weiße Fleck. Einfach nicht existent.

Nicht nur dass es keinen Beitrag über die Stadt an der Ruhr gäbe, auch das wäre nichts Besonderes. Man muss ja nicht immer wieder dieselben Geschichten vom Abschied von der Kohle, dem schwarzen Gold erzählen. Aber auf der ersten Karte, die in dem im Elbert & Richter Verlag zum Jahresende erschienen Buch zu sehen ist, fehlt Mülheim. Zwischen Duisburg und Essen bleibt eine Lücke. Dabei reicht die Karte von Kevelaer und Kempen im Westen bis nach Ahlen und Beckum im Osten – tiefstes Ruhrgebiet im Münsterland. Ja, sicher.

Was ist mit der Bergbau-Tradition?

War es denn ein Versehen, die zu dieser Leerstelle geführt hat? Immerhin hat die Stadt eine große Bergbautradition. Die Straße „Am Förderturm“ in Heißen kündet noch davon und das Rhein-Ruhr-Zentrum ist ja dort entstanden, wo sich einst die Zeche Humboldt befand. Somit wäre es schon ein Beispiel für den gelungenen Strukturwandel. Im Kulturhauptstadt-Jahr wurde auch hier als Schachtzeichen ein gelber Ballon gehisst. Aus anderen Städten künden mehrere Fotos in den Band von dieser Aktion.

Immerhin im Stichwortverzeichnis ist Mülheim aufgelistet: Seite 163. Doch da ist nur die Rede von einem in Mülheim lebenden Rentner, der vor 60 Jahren für die Wismut AG in der DDR eingefahren ist. Dort wurde das Uran für die sowjetischen Atomindustrie abgebaut. Also auch Fehlanzeige.

Aufgemotzte Firmenbroschüre?

Weil sich Leser darüber beklagt haben, fragen wir bei einem der beiden Autoren, Rolf Kiesendahl, und dem Herausgeber, der RAG Montan Immobilien nach. „Wenn sich Leute beschweren, dann scheint es ja doch Leute zu geben, die den Band kaufen“, freut sich zunächst Stephan Conrad, Sprecher der Ruhrkohlentochter. Der Band ist wohl kein Renner. „Nein“, versichert er dann, „das war keine Ignoranz.“ Die Erklärung ist einfach. Das Immobilienunternehmen verfüge in Mülheim im Gegensatz zu den genannten Orten im Münsterland weder über Flächen noch Gebäude. Aha.

Ersichtlich wird das für die Leser jedenfalls nicht. Der Bergbau habe sich hier einfach schon zu früh zurückgezogen. 1966 war auf Rosenblumendelle schließlich Schicht im Schacht. Demnach wäre der Band eine aufgemotzte Firmenbroschüre. Eine Art Leistungsbilanz nennt sie Autor Kiesendahl, die deutlich mache, wie einige Standorte im Zuge der IBA durch den Investitionen der RAG entwickelt wurden und ganze Stadtteilzentren entstanden. Kiesendahl, der zufälligerweise auch noch gebürtiger Mülheimer ist, bedauert die Leerstelle immerhin.

Debatte auch in anderen Städten

Was bleibt, ist die Frage: Zählt Mülheim überhaupt zum Ruhrgebiet? Und diese Provokation dürfte einigen, die die Gemeinschaft mit den kriselnden Nachbarn eher als Last empfinden, durchaus Vergnügen bereiten. Das ist auch für Kiesendahl eine schwierige Frage, die er letztlich aber positiv beantworten würde. Schon allein der Ruhr wegen. Aber hier in Mülheim sei schon einiges anders als in den Nachbarstädten. Das starke Bildungsbürgertum etwa und die ganzen Kennzahlen, bei denen Mülheim im Vergleich zu den anderen Städten meist Klassenprimus ist. Allein das Durchschnittseinkommen: hier 22.000 Euro, und ein paar Kilometer weiter: 16.000 in Oberhausen.

Die Debatte kennt der Journalist Kisendahl, der für die WAZ als Redakteur und Redaktionsleiter tätig war, auch aus Duisburg, wo er lange arbeitete. Immer wieder wurde dort thematisiert, ob die Stadt nun zur Rheinschiene gehöre oder das Tor zum Ruhrgebiet sei. Und durch das neue Max-Planck-Institut und die Fachhochschule wird die Stadt immer mehr zur Wissenschaftsschmiede, was auch jüngst bei der Jahresbilanz der Wirtschaftsförderung thematisiert worden ist.

An eine Ruhrgebietsmentalität glaubt Kiesendahl nicht, aber an die Notwendigkeit einer städteübergreifenden Kooperation, mit der sich alle schwer tun, umso mehr.

 
 

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