Massenschlägerei knapp verhindert

Simon Rahm
Viele Jugendliche können ihren Frust nicht mehr vernünftig kanalisieren. Gewalt ist oft der letzte Ausweg.
Viele Jugendliche können ihren Frust nicht mehr vernünftig kanalisieren. Gewalt ist oft der letzte Ausweg.
Foto: NRZ
100 Jugendliche hatten sich am vergangenen Samstag zu einer Schlägerei verabredet. Die Terminabsprache lief offenbar über das Internet. Das Motiv ist bislang noch unbekannt.

Mülheim. Die Mülheimer Polizei konnte am vergangenen Samstag eine Massenschlägerei zwischen bis zu 100 Jugendlichen, die teilweise mit Schlagstöcken und Messern bewaffnet waren, verhindern. Etliche Anrufer hatten die Beamten gegen 16.30 Uhr darüber informiert, dass die gewaltbereiten Teenager sich im Bereich der Schulen an der Holzstraße einfinden würden. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige unbeteiligte Jugendliche angegriffen und mit Faustschlägen sowie Schlagstöcken traktiert worden.

Streifenwaren aus Mülheim machten sich unverzüglich auf den Weg zum Tatort, darüber hinaus wurden Einheiten aus Essen zur Verstärkung hinzugezogen. Die Polizeipräsenz zeigte Wirkung: Die Versammlung löste sich bei Eintreffen der Beamte unverzüglich auf. Übrig blieben lediglich einige größere, versprengte Personengruppen, die die Polizei in Broich, Uhlenhorst und Stadtmitte stellen und überprüfen konnte. „Wir haben die Personalien von mehreren Dutzend Jugendlichen aufgenommen“, so Polizeisprecher Peter Elke. Am späten Nachmittag meldeten sich noch drei verletzte Jugendliche, die mit einem Messer bedroht wurden.

Elke weiter: „Offenbar haben die Teilnehmer sich per Internet zu der Schlägerei verabredet.“ Ein Motiv steht bislang noch nicht fest, Peter Elke vermutet „schlichte Abenteuerlust“ dahinter. „Wer aber zu so einer Veranstaltung mit Messern und Schlagstöcken bewaffnet erscheint, hat mehr im Sinn, als sich nur zu prügeln“, so der Polizeisprecher. Auch über die Herkunft der rund 100 Jugendlichen ist wenig bekannt. „Die meisten kommen aus Mülheim, entstammen allen möglichen sozialen Schichten.“

Verkettung zahlreicher Umstände

Warum verabreden sich junge Menschen im Internet zu einer Massenschlägerei? Die Mülheimer Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Anke Meyer vermutet dahinter eine Verkettung zahlreicher widriger Umstände. Einer sei eine gewisse Orientierungslosigkeit. „Ich kann zwar nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, aber ich glaube, dass die Jugendlichen nicht mehr lernen, sich vernünftig mit Konflikten auseinanderzusetzen.“ Je höher der Medienkonsum sei, desto mehr verlören sie den Kontakt zur Realität. Was bleibe, sei Frust und Ärger, der in keine Richtung mehr zu kanalisieren sei. Meyer: „Zwar kann man sich im Internet auch seinen Frust von der Seele schreiben, aber da kommt oft kein Feedback in den sozialen Netzwerken.

Es kommt kein Dialog zustande.“ Ein anderer Faktor, der dazu führen kann, dass Jugendliche sich zu einer Massenschlägerei verabreden, sei die schwierige gesellschaftliche Situation, in der sie sich befinden: „Es wird immer härter, einen Job zu finden. Mit einem Hauptschulabschluss zum Beispiel braucht man das gar nicht erst versuchen“, beschreibt sie die harte Realität auf dem Arbeitsmarkt. „Auch das ist sehr frustrierend.“

Eine Massenschlägerei könne in dem Fall der letzte gemeinsame Nenner werden, um Dampf abzulassen und vielleicht ein Erfolgserlebnis zu haben.