Leben im Sterben

Foto: WAZ FotoPool

Mülheim.. „Irgendwie warst du immer so altmodisch – Lavendelsäckchen im Schrank“. Die- oder derjenige, der diese Zeilen verfasst hat, wird zu Weihnachten Lavendelsäckchen an die Familie und Freunde verschenken. Der Text steht neben einem Foto mit dem blau-gelb blühenden Beet. Und auf einer anderen Tafel ist ein dickes Hanfseil wie zu einem schützenden Schneckenhaus abgebildet.

Da geht es um einen, der seinem sterbenskranken Bruder in den letzten Monaten oder Tagen Halt geben will: „Das Seil habe ich in der Garage gefunden. Komm, halt dich fest. Wir bleiben in Verbindung.“ Dann gibt es noch Geschichten über Zimtsterne backen im Advent, wo die Erinnerungen an den verlorenen Menschen noch lange auf der Zunge nachschmecken. Und bunte Pastell-Kreide bringt die verstorbene Oma in Gedanken zurück.

Anrührend und in warmen, lichten Farben gehalten, ist die Ausstellung in der Kundenhalle der Sparkasse zu sehen. Diese Präsentation zeigt nicht das Gesicht des Todes, sondern will deutlich machen, was in einem Hospiz passiert, „denn dort wird auch viel gelebt“, sagt Leiterin Judith Kohlstruck. „Leben im Sterben“: Den Hospiz-Gedanken stärker in die Öffentlichkeit zu bringen, das Thema mehr vom Tabu zu befreien, „Berührungsängste abzubauen“, sagt Helmut Schiffer vom Sparkassen-Vorstand zu den Beweggründen, diese Ausstellung zu zeigen. „Schließlich trägt die Sparkasse auch soziale Verantwortung.“ Als Startspende gab das Geldinstitut 25 000 Euro für das Hospiz.

Nach jahrzehntelangen Anstrengungen und Bauverzögerungen scheint es nun zu gelingen, die Einrichtung für Menschen in der letzten Lebensphase in der historischen Gründerzeit-Villa an der Friedrichstraße Ende Oktober zu eröffnen. „Die finanzielle Situation ist gesichert“, sagt Nils B. Krog, Hospiz-Geschäftsführer. Ankauf der Villa und Umbau schlugen mit 2,5 Mio Euro zu Buche, die jährlichen Betriebskosten werden auf rund 1,5 Mio Euro geschätzt. 10 Prozent davon müssen durch Spenden abgedeckt werden, so Krog. Der Umbau geht in die letzte Phase, „die Sanitärarbeiten laufen, wir entscheiden gerade, wie die Möblierung aussehen soll“, sagt Kohlstruck. Das Kernteam stehe. Am 1. November gehe das Hospiz in Betrieb – in zwei Blöcken. Zunächst mit sieben Betten, am 1. Januar 2013 sollen es zehn Betten sein, so die Hospiz-Leiterin. Elf Vollzeitstellen für Pflegekräfte, dazu kommen 28 Ehrenamtliche, die seit Ende 2011 ausgebildet werden: „Zwei Kurse sind voll. Es sind Ehrenamtliche quer durch alle Berufssparten.“ Dabei: zwei Männer.

Anfragen für die Aufnahme von Gästen hat Kohlstruck schon mehr als genug: „Wir könnten schon jetzt belegte Betten haben.“ In Würde und Geborgenheit und ganz individuell sollen die Menschen ihr Leben bis zuletzt in Einzelzimmern in der heimeligen Villa mit einem wunderschönen Garten verbringen können. Um die alte, gewachsene Grünanlage wieder richtig in Schuss zu bringen, werden noch Spenden benötigt.

Willkommen sind die Angehörigen, die im Hospiz auch übernachten können: „Familie und Freunde, mit denen die Gäste gelebt haben, und mit denen sie auch die letzte Zeit verbringen möchten“. Wenn gewünscht, könnten Angehörige in die Pflege einbezogen werden. Geschaffen werden soll eine Atmosphäre, wie man sie von zu Hause kennt. Mit Wohnzimmer und einer kleinen Küche, „wo man mal einen Kuchen backen kann“, sagt Kohlstruck. Und Raum für Therapien.

Träger der Ev. Hospiz gGmbH sind die Stiftung des Ev. Krankenhauses und das Diakoniewerk Arbeit und Kultur. Wenn nun gemunkelt wird, dass nur Menschen mit passender Religion oder Reiche die Einrichtung in Anspruch nehmen können, stellt Judith Kohlstruck klar, dass man sich in keiner Weise konfessionell gebunden fühle: „Das Hospiz ist für alle da – für Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeder Religion.“ Und: „Kostenfrei für die Gäste.“

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