Kinderschutz ist nach wie vor ein Flickenteppich

Als jemand, der als Leiter der Duisburger Mordkommission unzählige Fälle von Kindesmisshandlungen und Tötungen bearbeitet hat, erlaube ich mir die Feststellung, dass der Kinderschutz in Deutschland einem Flickenteppich gleicht.


Nach meiner Wahrnehmung steht Kinderschutz auf teilweise verlorenem Posten, und die Politik reagiert immer dann, wenn gerade etwas Schreckliches in der Zeitung steht. Der graue Alltag wird nicht wahrgenommen, und parteipolitische Interessen werden oftmals über das Wohl der Kinder gestellt. Auch durch das im Jahre 2012 in Kraft getretene Kinderschutzgesetz wurden zahlreiche Probleme nicht gelöst. Dazu gehören fehlende Standards: 600 Jugendämter und tausende freie Träger arbeiten unterschiedlich. Ihre Qualität und Ausstattung sind in vielen Fällen von der kommunalen Finanzlage abhängig. Eine Anzeigepflicht bei der Feststellung gravierender Kindesmisshandlung wurde außer Acht gelassen.

Es fehlt nach wie vor eine sachgerechte Möglichkeit für Geheimnisträger, insbesondere Kinder- und Jugendärzte, sich in Fällen von Kindeswohlgefährdung auszutauschen, ohne sofort eine Familie an das Jugendamt melden zu müssen. Hier wurde wieder einmal der Schwarze Peter in Richtung der Jugendämter weitergegeben. Als wenn die Mitarbeiter dort nicht genug Fälle zu betreuen hätten. Vergessen wurde, dass beim Jugendamt Mitarbeiter mit medizinischen Fachkenntnissen überhaupt nicht vorhanden sind! Insofern ist es unerklärlich, dass auch unklare Fälle von Kindesmisshandlung sofort dem Jugendamt mitgeteilt werden. Viel besser wäre es, wenn man den Ärzten ihre zustehende Filterfunktion zukommen lassen würde.

Fakt ist, dass jede Woche bis zu drei Kinder – meist unter sechs Jahre alt – getötet werden. Das Schütteltrauma, wie jetzt in Mülheim, ist eine der häufigsten Todesursachen unter den Tötungsdelikten an Säuglingen. Es wird langsam Zeit, dass man in Sachen Kinderschutz eine gemeinsame Verantwortung entwickelt. Dies kann aber nur dann funktionieren, wenn die Institutionen interdisziplinär zusammenarbeiten und die Opfer im Mittelpunkt unserer Anstrengungen stehen.

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