Keine Krippe, keine Kälte, trotzdem Winter

Sebastian Sasse

Ja, wo ist er denn? Der 22. Dezember ist Winteranfang, so steht es im Kalender. Aber draußen herrscht kein Winter, nirgends. Allergiker klagen über Pollenflug wie im Frühling. Und wenn man draußen Menschen mit Schal und Mütze begegnet, wird man das Gefühl nicht los, dass sie sich verkleidet haben, weil das der vorweihnachtlichen Stimmung gut tut. Das ist ja auch irgendwie menschlich. Wie sieht es aber bei den Tieren im Wald aus? Dort steht auch die Krippe - und die ist ja nun nicht unwichtig für die Weihnachtsgeschichte. Doch auch im Wald geht es nicht mehr nur romantisch zu, auch dort hat die Bürokratie längst Einzug gehalten. Futterkrippen dürfen nach dem neuen Jagdgesetz nicht mehr so ohne weiteres von den Jägern aufgestellt werden. Trotzdem lohnt sich in diesen Tagen eine Spurensuche. Man stößt vielleicht nicht auf die Idylle, aber der Winter ist durchaus zu spüren. Zumindest dann, wenn man so einen Führer wie Thomas Brüseke hat. „Die Tiere reagieren nicht nur auf die Temperaturen, sondern auch auf das Licht. Sie merken, dass es früher dunkel wird“, beruhigt er. Das engagiertes Mitglied des Naturschutzbundes ist ein Experte. In Essen arbeitet der Mülheimer als Waldpädagoge.

Ein offenes Buch

Brüseke ist eine Forschernatur. Schon als kleiner Junge hat er die Steine hochgehoben, um zu sehen, was darunter war. Seine Jugendhelden hießen Jacques Cousteau, Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek. Die Expeditionen ins Tierreich führen ihn heute zwar nicht in exotische Gefilde wie seine großen Vorbilder, aber auch vor der Haustür gibt es etwas zu entdecken. Eben zum Beispiel im Forstbachtal. „Es kommt auf den besonderen Blick an. Ich schaue nicht wie ein typischer Spaziergänger“, berichtet er. „Der Wald ist ja kein Zoo, in dem die Tiere bereitstehen, um betrachtet zu werden. Im Wald muss man aufmerksam sein und die Spuren zu lesen wissen.“

Wer diese Details erkennt und deuten kann, für den ist dann auch der Wald ein offenes Buch. Das ist dann tatsächlich so ein bisschen wie bei Old Shatterhand, den Karl May in den Wild West-Geschichten gerne seitenlang Spuren analysieren ließ. Und wenn dem Trapper selbst nichts auffiel, dann hatte er ja auch noch seinen Blutsbruder Winnetou an seiner Seite. Vier Augen sehen mehr als zwei. Auch Brüseke hat bei seinen Waldtouren immer einen solchen treuen Gefährten dabei: Arne heißt er, ein Labrador-Rüde. Der Hund führt ihn im wahrsten Sinne des Wortes an der Nase herum. Denn neben Brüsekes Augen ist es eben vor allem die Spürnase des Hundes, die die Zwei auf interessante Entdeckungen stoßen lässt. Herrchen kann zwar schon mal etwas übersehen, aber Arnes Riecher entgeht nichts so schnell.

Hufspuren von einem Reh

So ist es auch in diesem Fall. Brüseke hält plötzlich inne, als er merkt, das Arne etwas entdeckt hat. Zuerst stutzt er, dann nimmt er einen Ast als Zeigestock zur Hand und erklärt: „Das sind Hufspuren von einem Reh.“ Und in der Tat, Brüseke zeigt die Umrisse. Die Abdrücke in dem vom Regen aufgeschwemmten Waldboden sind deutlich zu erkennen. Erstaunlich klein sehen sie aus. Gibt es denn die Chance, auch ein Reh zu sehen? „Wie gesagt, der Wald ist kein Zoo. Aber das Wild hier ist an Menschen gewöhnt und eigentlich nicht so scheu. Ich bin oft mit Gruppen unterwegs, dann ist es ziemlich laut. Mir ist es auch schon passiert, dass ein Reh mitten durch die Gruppe gelaufen ist.“ Aber grundsätzlich sei Stille schon besser. Brüseke senkt die Stimme. Eine größere freie Fläche tut sich gerade vor ihm auf. Hier wäre die Chance schon größer. „Es kann gut sein, dass ein Reh auf der Wiese liegt. Aber mit ihrem Winterfell gehen sie farblich im Gesamtbild unter.“ Eine gute Tarnung. „Mit den Augen nicht einen bestimmten Punkt fixieren, sondern in die Weite schauen. Dann merkt man schneller, wenn sich an der Peripherie etwas bewegt.“ Doch es bewegt sich nichts.

Verzweigtes Tunnelsystem

Aber da hat Brüseke schon eine andere Spur gefunden. Ein Baum, drumherum: Unterholz, Laub. Nur direkt am Stamm ist eine Fläche frei. „Hier hat ein Reh seinen Schlafplatz gehabt.“ Und in der Tat - der Waldpädagoge nimmt wieder einen Ast als Zeigestock zur Hilfe - der Umriss des Körpers ist deutlich zu erkennen. Das Tier hat sich richtig an den Baum angekuschelt. „Der Stamm ist ein guter Windschutz.“ Richtig kuschelig mag es auch ein andere Waldbewohner: der Dachs. Er schafft schon im Herbst viel Laub in seinen Bau, um diesen auszupolstern. Vor genau so einem Bau ist Brüseke jetzt angelangt. Direkt vor dem Eingang, einem gar nicht so kleinen Loch. „Das ist ein verzweigtes Tunnelsystem. Darin gibt es verschiedene Zimmer für die Mitglieder des ganzen Clans“, erzählt er. „Und manchmal wird sogar eine WG gebildet: Auch Füchse nutzen den Bau gerne.“

Es gibt also Winterspuren, die im Wald zu finden sind. „Natürlich macht mich dieses Wetter auch nachdenklich“, sagt Brüseke. „Aber wir sollten nicht immer nur an die Probleme denken. So eine Waldspaziergang ist einfach erholsam.“ Gerade auch an den Feiertagen.