Im Luisental wollte man gerne wohnen

Cäcilia Tiemann
Das Luftbild des großen Wohnblocks aus den dreißiger Jahren im Luisental zeigt die besondere Lage.
Das Luftbild des großen Wohnblocks aus den dreißiger Jahren im Luisental zeigt die besondere Lage.
Foto: Hans Blossey
Damals wie heute ist der denkmalgeschützte Komplex ein beliebtes Wohngebäude für Familien. Mülheimer Architekten Pfeiffer und Grossmann planten im Bauhausstil, andere Pläne aus der gleichen Zeit wurden nicht realisiert.

Mülheim. Ende der zwanziger Jahre kam in der sogenannten Straße der Millionäre, der Friedrichstraße, sicherlich keine Freude auf, als mit dem Bau des großen Wohnblocks im Luisental begonnen wurde: Der freie Blick auf den Fluss war dahin, nach kurzer Zeit schon zogen in die 59 großen und familienfreundlichen Wohnungen sicher mehr als 200 Menschen ein. Da war es mit der Idylle und Ruhe der Anwohner in den großen Jugendstil-Villen endgültig vorbei. Auch die moderne Bauhaus-Architektur wird ein Dorn im Auge einiger Traditionalisten gewesen sein. Die neuen Ruhr-Anrainer hingegen wollten die hellen und großen Räume bestimmt schon bald nicht mehr missen.

Das Luisental kennt auch heute noch fast jeder Mülheimer, denn es liegt an bester Adresse, mit Blick auf die Dohneinsel und den Wasserbahnhof. Der viergeschossige, von den Mülheimer Architekten Pfeiffer und Grossmann 1929 geplante und heute denkmalgeschützte Mietshauskomplex prägt diese Adresse, seit den 1930er Jahren Wohnort vieler bekannter Bürger.

Zentrale, kinderfreundliche Lage

„Der Wohnblock an der Ruhr war der realisierte Teil einer groß geplanten Ruhrbebauung mit Hotel und Finanzamt“, sagt Erich Bocklenberg von der Unteren Denkmalbehörde. Ehemals Eigentum der Wohnbaugesellschaft Deutscher Ring, gehört die, laut Denkmalbehörde, „für die Zeit typische Anlage mit kubistischen und expressionistischen Elementen“ seit 1998 Privatinvestoren, die die längst fällige Sanierung des großen Komplexes in Angriff genommen haben.

Die Wohnungen, manche knapp 170 m² groß, sind extrem beliebt bei Familien, nicht zuletzt wegen der zentralen, grünen und kinderfreundlichen Lage mit zwei nahe gelegenen Spielplätzen. Als die acht zusammenhängenden Häuser im Luisental und an der Wilhelmstraße fertiggestellt waren, lebten dort privilegierte Menschen, davon zeugt heute noch die Dienstbotenetage, die auf das flache Gebäude aufgesetzt war.

Viele Erinnerungen

In den kleinen Kammern, eine für jede Wohnung, befand sich ein Waschbecken. Ansonsten gab es eine Gemeinschaftstoilette für die Hausmädchen, die per Klingel von den Arbeitgebern nach unten gerufen wurden. Auch die große Waschküche mit Waschmaschinen, Mangeln und Wärmeschrank ist immer noch vorhanden, wird allerdings nur noch wenig genutzt.

Woodhouse-Musiker Horst Janßen kommt sogar nach 50 Jahren noch ins Schwärmen über seine Kindheit und Jugend im Luisental. Auch er erwähnt honorige Anwohner, den ehemaligen Justiziar von Stinnes, Dr. Horst Arnold, Dr. Wilhelm Wiegand von den Conti-Lackwerken, Familie Gilles (Maschinenhandel) oder den Mülheimer Amtsgerichtsdirektor Dr. Terjung. Für Gerburg Schnepper, die mit ihrem Mann Dieter und Sohn Christian 1974 ins Luisental gezogen sind, war der Einzug die Erfüllung eines Traums. Sie erinnert sich noch an das Ehepaar Acker von Hofbräuhaus an der Schloßstraße, die Familie Fehlenberg (Silberwaren), den Direktor des Kunstmuseums Dr. Kruse oder der Inhaber vom Kaufhaus Horten, Helmut Horten.

Lebensversicherung beim Deutschen Ring 

Für „normale“ Menschen war es schwer, eine Wohnung in dem begehrten Gebäude zu erhalten: „Hier würde ich gerne mal wohnen, habe ich zu meinem Mann gesagt. Der sagte überzeugt: Das werden wir uns wohl nicht leisten können!“

Geklappt hat es letztlich durch die Fürsprache ihres Arbeitgebers, Baron von Wedelstedt. „Das Haus war damals für die Ärzte des Evangelischen Krankenhauses reserviert. Als ein altes Ehepaar auszog, haben wir den Zuschlag erhalten, mussten für die rund 120 m² große Wohnung 650 Mark Warmmiete bezahlen – und eine Lebensversicherung beim Deutschen Ring abschließen.

Beneidenswerte Wohnungen

Gerburg und Dieter Schnepper erinnern sich: „Die Leitungen waren über Putz verlegt, die Fenster einfach verglast, wir durften keine Waschmaschine in der Wohnung anschließen. Aber wir wurden trotzdem von allen Freunden für unsere neue Wohnung beneidet!“

Die Aussagen des Ehepaars Schnepper bestätigt auch Dr. Irmgard Hansen, die mit ihren kleinen Kindern und ihrem Mann Dr. Gerd Hansen, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus, 1962 an die Ruhr gezogen ist. „Wenn ich damals meine Adresse angegeben habe, reagierten alle ganz ehrfürchtig!“ Obwohl damals schon die hochherrschaftliche Zeit vorbei war, Dienstmädchen wohnten nur noch wenige im Haus, hatten doch viele Familien Zugeh- oder Putzfrauen.

Das Waschhaus als Neigkeitenbörse

Bei Frau Hansen wohnte für zwei Jahre innerhalb der Wohnung ein Flüchtlingsmädchen aus dem Osten, die ihr beim Haushalt und der Betreuung ihrer drei noch kleinen Kinder half. „Unsere Dachkammer hatten wir eine Zeit lang für 12 Mark an eine Straßenbahnschaffnerin vermietet“, erinnert sie sich. In den späteren Jahren sei die Dachkammer ein gut genutztes Gästezimmer gewesen.

Sie habe immer gerne im Luisental gewohnt, die grüne Lage an der Ruhr sei toll und in zehn Gehminuten gelange man in die Stadt. Die Nachbarn lernte man durch die Kinder kennen. „Unser Waschhaus war die große Neuigkeitenbörse“, sagt die 88-Jährige. Sie telefoniert fast täglich mit ihrer Nachbarin, der mit 101 Jahren ältesten Hausbewohnerin Else Koehler. „Ich lebe seit 1970 im Haus, bin mit Ehemann und Mutter eingezogen. Meine Söhne waren damals schon groß“, sagt sie und hofft, noch lange in ihrem schönen Zuhause wohnen bleiben zu können.