Hilfen für Demenz-Kranke nicht überall gefragt

Julia Blättgen
Die Nachfrage nach Angeboten für Demenzkranke
Die Nachfrage nach Angeboten für Demenzkranke
Foto: WR

Mülheim. Jede Ruhrseite hat ihren eigenen: Seit Anfang 2011 lädt die Mülheimer Alzheimer Gesellschaft zum „Runden Tisch Demenz“ links und rechts der Ruhr. Persönlich Betroffene sollen so die Möglichkeit erhalten, Angebote für demenziell veränderte Menschen und deren Angehörige sowie die Menschen hinter den Angeboten in zwangloser Atmosphäre kennen zu lernen, Informationen zu erhalten und den Erstkontakt zu wagen.

Das Konzept ging auf – rechts der Ruhr. Auf der anderen Ruhrseite sind die Verantwortlichen der Alzheimer Gesellschaft jedoch ein wenig ratlos: In Broich, Saarn und vor allem in Speldorf, so scheint es, spricht man nicht über Demenz.

Das Angebot ist da, aber die Nachfrage fehlt. Peter Behmenburg von der Alzheimer Gesellschaft kann beispielhaft für Speldorf eine ganze Reihe aufzählen: Beratungsangebote und Sprechstunden von privaten Pflegediensten, von Senioreneinrichtungen, von der Caritas und der Evangelischen Kirchengemeinde, vom Gesundheitsamt der Stadt und und und. Kürzlich erst habe der Runde Tisch Demenz links der Ruhr einen Neuanfang gewählt, samt Gastvortrag eines Psychiaters. . . „Wir hatten zwei Teilnehmer“, sagt Behmenburg. Keine Ausnahme, sondern die Regel sei das.

Lebenspraktische Tipps

Wie wichtig der Austausch für Angehörige demenziell veränderter Menschen ist, erfährt Peter Behmenburg in der Praxis immer wieder. „Wenn Pflegedienste beraten, gibt es dabei immer ein gewerbliches Interesse. Betroffene hingegen haben es selbst erlebt und wissen, wovon sie sprechen. Sie bieten praxisnahe und solidarische Unterstützung.“ Und die bringe eine ganz andere Entlastung. Das könne man sich auch nicht anlesen, weiß Behmenburg und rät, seine Informationen nicht nur aus Büchern zu ziehen.

Rechts der Ruhr sieht das anders aus, weiß Gerd Weinfurth. Er engagiert sich nicht nur in der Alzheimer Gesellschaft, sondern gründete auch die Alzheimer Selbsthilfegruppe und leitet sie bis heute mit Margret Illigens. „Styrum war bisher ein Weißer Fleck“, sagt Weinfurth und betont, dass nun gemeinsam mit der Stadtteilbibliothek ein Angebot ins Leben gerufen wurde. „Da waren 35 Leute.“ Und die kamen nicht nur aus Styrum, wie Behmenburg in Gesprächen erfahren hat: „Es waren auch Menschen aus Speldorf da. Vielleicht, weil sie in Styrum keiner kannte.“

Scham, vermuten die Fachleute der Alzheimer Gesellschaft, sei einer der Hauptgründe, die Öffentlichkeit eines Informationsangebots zu scheuen. Für viele sei das Eingeständnis, dass man selbst oder ein Verwandter an Demenz leitet, ein regelrechtes Outing, sagt Gerd Weinfurth: „Das Erscheinungsbild dieser Krankheit ist Schwachsinn. Und wer ist schon gerne schwachsinnig.“

„Den hohen Anspruch: Das regeln wir in der Familie“

Peter Behmenburg sucht zudem in der Struktur der Stadtteilgesellschaft links der Ruhr Gründe. Dort gebe es „den hohen Anspruch: Das regeln wir in der Familie“. Besonders da man dort oftmals die finanziellen Ressourcen habe, um private Pflegekräfte zu engagieren. Doch damit sei es ja nicht getan. „Es gibt ja auch Angebote für Erkrankte, damit sie mal rauskommen, frischen Sauerstoff atmen, auf natürliche Art müde werden und Appetit bekommen.“