Mülheim

Gruppenvergewaltigung in Mülheim: Duisburger Sexualtherapeut hat wichtige Forderung

Hier in einem Wald in Mülheim wurde eine junge Frau vergewaltigt.
Hier in einem Wald in Mülheim wurde eine junge Frau vergewaltigt.
Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Mülheim. Essen, Velbert, Freiburg und seit diesem Wochenende auch Mülheim - die Namen dieser Städte sind nun unmittelbar mit einer brutalen Gruppenvergewaltigung verbunden.

In Mülheim hatten am Freitagabend fünf Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren eine junge Frau in ein Gebüsch gezerrt und dort vergewaltigt.

Mülheim: Junge Frau vergewaltigt - Sexualtherapeut spricht über den Fall

Carsten Müller ist Sexualtherapeut und Geschäftsführer einer Praxis für Sexualität in Duisburg. In seiner täglichen Arbeit hat er es mit Übergriffigen und Opfern von Vergewaltigungen zu tun. Wir haben mit ihm über den Fall in Mülheim gesprochen.

Die Fälle von Gruppenvergewaltigungen häufen sich, zumindest ist so das Gefühl vieler Menschen. Kann man von einem neuen Phänomen sprechen?

Das würde ich nicht so sehen. Sexuelle Übergriffe waren schon immer ein Thema. Laut Polizeistatistik haben die Zahlen im Bereich von jungen Menschen, die übergriffig werden, leicht zu genommen. Aber durch die mediale Berichterstattung ist es viel präsenter. Zugleich ist das auch gut so, dass eine Öffentlichkeit dafür da ist. Das ermutigt Betroffene eher, einen Übergriff zur Anzeige zu bringen wie noch vor Jahren. Denn die Schwelle ist groß, das Thema ist nach wie vor schambesetzt.

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Wie kommen Kinder darauf, eine Vergewaltigung auszuleben?

Es geht hier um eine Form von Gewalt, in wenigen Fällen um sexuelle Lust. Hier haben wir es mit einer Gewalt als Teil von Machtausübung zu tun, die in einer Gruppe exorbitant steigt. Und Sexualität ist die größtmögliche Form von Gewalt.

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Kinder kommen inzwischen immer früher mit Sexualität in Berührung. Pornografie ist immer einfacher verfügbar. Und wenn dann niemand das in ein ausgeglichenes Verhältnis bringt - Eltern, Lehrer - dann passieren solche Übergriffe. Oft heißt es ja, wir brauchen heute keine Aufklärung mehr, die Kinder sind aufgeklärt genug. Aber ich sage genau das Gegenteil. Wir brauchen mehr Aufklärung denn je.

Im Fall der Gruppenvergewaltigung von Mülheim soll der Hauptbeschuldigte bereits vorher durch sexuelle Belästigungen aufgefallen sein. Die Verfahren wurden eingestellt. Hätte da schon gehandelt werden müssen?

Durch nicht Handeln kann irgendwann die Hemmschwelle sinken. Das ist vielleicht vergleichbar, wenn ich als Kind ein Bonbon klaue und damit durchkomme. Dann lasse ich beim nächsten Mal eben den Schokoriegel mitgehen.

Da braucht es Sensibilität für Grenzverletzungen. So können Menschen gestoppt werden. Aber gerade beim Thema sexualisierte Gewalt beobachten wir eine gewisse Sprachlosigkeit auch bei Fachpersonal.

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Wie sieht ihre Arbeit als Sexualtherapeut mit Übergriffigen und Betroffenen aus?

Wir arbeiten mit beiden Ebenen. Bei Übergriffigen ist die Opferempathie ein wichtiger Faktor. Ein Bewusstsein für den Übergriff zu schaffen und Verantwortung zu übernehmen. Das sind zwei große Säulen. Dann ist natürlich Prävention ein großes Ziel.

Aufseiten der Betroffenen müssen wir sehr auf die Menschen und ihre Bedürfnisse schauen. Denn jemand anderes hat über sie Macht ausgeübt, daher versuchen wir, sehr viel Macht zurückzugeben, indem wir sie viel selbst entscheiden lassen. Nicht mit jedem können arbeiten, manche begleiten wir auch nur. Es geht viel um Aufarbeitung und die Frage, wie kann ich trotzdem Sexualität leben.

Was sagt eine solche Tat über einen jungen Menschen aus?

Da spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Eigene Missbrauchserfahrungen können dazu führen. Eine schräge Vorstellung von Sexualität und das Gefühl von Ohnmacht sind weitere Punkte. Hinzu kommt die Energie und Dynamik einer Gruppe. Das ist eine Erklärung, aber darf keine Entschuldigung sein. Es ist also ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren.

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Aus verschiedenen Ecken kommen jetzt Forderungen nach einer Heruntersetzung der Strafmündigkeit. Ist das die Lösung?

Ich glaube nicht, dass das bei sexuellen Übergriffen die Lösung ist. Es geht immer darum, dass Menschen Verantwortung für das übernehmen müssen, was sie tun. Da ist es egal, ob die Person 12 oder 35 Jahre alt ist. Das ist unabhängig von Strafrecht wichtig, damit man konkret mit den Menschen daran arbeiten kann.

 
 

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