Fünf Stolpersteine erinnern an NS-Opfer aus Mülheim

Die goldenen Stolpersteine sollen an die Familie Meyer aus Broich erinnern. Fußgänger, die darüber „stolpern“, blicken automatisch nach unten – eine symbolische Verneigung vor den Opfern. Hannah Strüver, Delia Dreyer, Friedrich W. von Gehlen, Angelina Mehler und Lehrerin Doris von Bancels (v.l.).
Die goldenen Stolpersteine sollen an die Familie Meyer aus Broich erinnern. Fußgänger, die darüber „stolpern“, blicken automatisch nach unten – eine symbolische Verneigung vor den Opfern. Hannah Strüver, Delia Dreyer, Friedrich W. von Gehlen, Angelina Mehler und Lehrerin Doris von Bancels (v.l.).
Schüler des Gymnasiums Broich recherchierten die Biografie der Familie Meyer. Am Freitag verlegen sie die Stolpersteine an der Duisburger Straße 87.

Mülheim.. In das Haus an der Duisburger Straße 87 zog die Familie Meyer 1938 nicht freiwillig ein. „Sie wurden gezwungen, in Judenhäuser umzusiedeln“, erklärt Hannah Strüver. Die 18-Jährige hat zusammen mit ihren Mitschülern des Gymnasiums Broich anderthalb Jahre lang die Biografie der jüdischen Familie Meyer aufgearbeitet und niedergeschrieben. Am heutigen Freitag verlegen die Schüler „Stolpersteine“ für die fünf Mitglieder der Familie an der Duisburger Straße. Diese sollen an das Schicksal der Mülheimer erinnern – denn von ihnen überlebte nur einer die Zeit des Nationalsozialismus.

Am 11. Dezember 1941 pferchten die Nazis Vater Julius, Mutter Rosa und Tochter Else Meyer in einen Zug. Zusammen mit über 1000 anderen Menschen wurde die Familie von Düsseldorf aus 61 Stunden lang in Richtung Riga transportiert. Die Söhne Alfred und Hermann blieben zurück. Bei ihrer Ankunft mussten Rosa, Julius und Else die eisige Nacht im ungeheizten Zug verbringen. Erst am Morgen verschleppte man sie ins Ghetto. Über das weitere Schicksal der Familie ist kaum etwas bekannt; 1945 wurden sie für tot erklärt. Sohn Alfred wurde mit seiner Frau Trude am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet, Sohn Hermann emigrierte bereits 1936 nach Palästina – er überlebte als einziger der Familie.

Gerechtigkeit verschaffen

All das haben Hannah Strüver, Delia Dreyer (15) und Angelina Mehler (16) in der AG recherchiert und aufgeschrieben. „Es war erschreckend zu sehen, wie viele ähnliche Schicksale es gibt“, sagen die Schülerinnen. Für ihre Recherche forschten sie im Stadtarchiv, lasen in Büchern und alten Aufzeichnungen. Die Geschichte der Meyers wird an einem Projekttag der Schülerschaft vorgestellt. Angelina findet: „Mit der Verlegung der Stolpersteine hat man das Gefühl, ihnen ein bisschen Gerechtigkeit verschaffen zu können.“

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der bereits 45 000 dieser kleinen Mahnmale in 17 Ländern weltweit verlegt hat. In Mülheim liegen mit den fünf neuen nun 123 Steine. „Immer vor den Wohnhäusern der NS-Opfer, in einem Fall auch vor der Realschule Mellinghofer Straße, dem ehemaligen Arbeitsplatz einer Lehrerin, die deportiert wurde“, erklärt Friedrich Wilhelm von Gehlen, Sprecher des Stolpersteine-Arbeitskreises.

120 Euro für einen Stein

Finanziert und verlegt werden die Stolpersteine von der Mülheimer Initiative für Toleranz (MIT) – ein Stein kostet 120 Euro. „Bisher hatten wir immer ausreichend Mittel über Sponsoren“, sagt von Gehlen. Der Künstler Gunter Demnig habe das Projekt unter dem Titel „Familienzusammenführung“ mittlerweile ausgeweitet, so dass nun auch Steine für überlebende Angehörige verlegt werden, die in eine andere Stadt verzogen waren. Natürlich gebe es Kritik, dass es sich dabei um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Künstler handele, weiß von Gehlen. Doch dahinter stecke ja ein positiver Effekt: Dass sich junge Menschen über die Biografien der Opfer mit der Geschichte der NS-Zeit auseinandersetzen.

 
 

EURE FAVORITEN