Fahrradfreundliche Stadt? Zunehmend!

Viele Jahre habe ich in d e r Fahrradstadt Münster gelebt, bis ich vor 16 Jahren nach Mülheim an der Ruhr gezogen bin. Zunächst war das ein Kultur-Schock, denn „gefühlt“ fuhr hier kaum jemand mit dem Rad, viele besaßen nicht einmal eins – nahezu unvorstellbar für mich.

Dann musste ich leidvoll erfahren, dass Mülheim sich nicht nur flach an der Ruhr erstreckt, sondern durchaus zu beiden Seiten des Flusses Erhebungen hat. Also taugte das übliche Holland-Rad nicht mehr, ein Tourenrad musste her. Höllisch aufpassen im Straßenverkehr gewöhnte ich mir rasch an, nachdem ich feststellte, dass Mülheimer Autofahrer mit Radfahrern nicht rechnen. Ein Fahrradhelm wurde angeschafft.

Zeitgleich mit meiner Radverkehr-Sozialisation wurde Mülheim „Fahrradfreundliche Stadt“ – Mitglied in der, wie sie heute heißt, „Arbeitsgemeinschaft der fußgänger- und fahrradfreundlichen Städte“. Die Urkunde überreichte Peer Steinbrück, 1999 noch NRW-Verkehrsminister, „zum aktiven Handeln. Entwicklungen werden regelmäßig überprüft“, erklärt der städtische Radbeauftragte Helmut Voß.

Und geschehen ist in Mülheim eine Menge. Parallel zum bundesweiten Trend hat auch hier die Anzahl der Radfahrer erheblich zugenommen. Radfahren ist „in“, ein hochwertiges Rad zu besitzen für viele selbstverständlich und durchaus auch Statussymbol. E-Bikes erleichtern Senioren die tägliche Fortbewegung auf zwei Rädern. Ganz neue Reichweiten bei Rad-Touren in die Umgebung werden so möglich. Viele Menschen haben sich angewöhnt, aus gesundheitlichen Gründen oder vielleicht auch um Umweltbelastungen und Spritverbrauch zu reduzieren, immer häufiger das Rad statt Auto zu wählen, pendeln gar regelmäßig zur Arbeit.

Das wird vor allem immer einfacher, denn Radwege im Innenstadtbereich und an den großen, stadtteilverbindenden Straßen sind gut und durchgängig beschildert, die Mitnahmemöglichkeit der Räder auch im Nahverkehr wird fleißig genutzt. Mülheim verfügt zudem über zahlreiche attraktive Radwege entlang der Ruhr, durch Parks oder auf ehemaligen Bahnlinien, wie zum Beispiel der Fossilienweg in Broich.

Die Stadt leistet Hilfestellungen: Flächendeckend sind Leihräder des Unternehmens Metropolrad über das Stadtgebiet verteilt, die sich jeder unkompliziert und für eine geringe Gebühr ausleihen kann. Auch in den beiden Radstationen am Hauptbahnhof und Bahnhof Styrum gibt es Leihräder inklusive einer Servicestation bei Reparaturbedarf. Auch E-Bikes oder Kinderräder können ausgeliehen werden.

Und die Aussichten werden immer noch besser: Die erste Mülheimer Etappe des Umbaus der Rheinischen Bahntrasse durch den Regionalverband Ruhr (RVR) hat begonnen. Die häufig auch als künftiger „Radschnellweg“ bezeichnete, städteübergreifende Radwegeverbindung soll bis Mitte 2015 von der Essen-Frohnhauser Stadtgrenze bis zum Hauptbahnhof fertig gestellt sein. Dann existiert eine elf Kilometer lange, direkte und ebene Rad- und Fußwegeverbindung zur Essener Innenstadt. Mit dem Rad in 30 Minuten nach Essen, an manchen Tagen ist der Radler dann sicher schneller unterwegs als der Autofahrer über die A 40, im Volksmund spöttisch „Ruhrschleichweg“ genannt.

Die Fortführung der Strecke über die Ruhr, an der neuen Hochschule vorbei durch Speldorf bis nach Duisburg zum Hauptbahnhof und in den Rheinpark ist geplant. Der Umsetzungstermin hängt zurzeit noch an der Übernahme der Kosten für die Sanierung der Eisenbahnbrücke und den anschließenden Viadukten. Vor 2018 wird also sicher die Duisburger Stadtgrenze nicht lückenlos erreicht werden.

Ein wenig Geduld ist bei Großprojekten mit vielen Beteiligten leider immer erforderlich.

Was gibt es noch für Radfahrer in Mülheim? Etliche Radrouten führen durch die Stadt am Fluss, allen voran ein wunderschöner Abschnitt des Ruhrtalradwegs, der Mülheim ­jedes Jahr viele neugierige Besucher beschert – ein Gewinn für Gastronomie und Hotelgewerbe.

Auch die regionale Route der Industriekultur hat etliche Highlights in der Stadt am Fluss. Der Emscher Park Radweg streift Mülheim in Norden, führt durch das idyllische Hexbachtal.

Dann gibt es noch, ganz peripher, die Kaiserroute und auch eine kurze Strecke der „Deutschen Fußballroute“, die aber mit der Strecke des Ruhrtalradweges identisch verläuft. Und schließlich noch die ureigene Mülheimer Rad- und Wanderroute: Die drei Strecken der Ruhrperlen bieten eine insgesamt 50 Kilometer lange, wunderschöne Streckenführung mit 26 Höhepunkten aus Natur, Industriegeschichte und Kultur.

Als ehemalige Münsteranerin bin ich daher versöhnt, nutze die Vorteile der Region, schätze die Vielfältigkeit der industriegeschichtlichen Vergangenheit, der Natur. Alles ganz leicht mit dem Rad zu erreichen.

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