Fachtag in Mülheim: Arzt warnt vor früher Fremdbetreuung

Kleinste Kinder sind am besten aufgehoben bei ihren Eltern – das zumindest sagt Dr. Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Bethel.Foto:Michael Kleinrensing
Kleinste Kinder sind am besten aufgehoben bei ihren Eltern – das zumindest sagt Dr. Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Bethel.Foto:Michael Kleinrensing
Foto: WP Michael Kleinrensing
Die Unterbringung der Unter-Dreijährigen wird ausgebaut. Laut Dr. Rainer Böhm birgt ein allzu früher Kita-Alltag jedoch gesundheitliche Gefahren.

Mülheim..  Kleinkinder sollen immer früher und immer länger fremd betreut werden, in Kitas oder von Tagesmüttern. Das ist gut für ihre Entwicklung, heißt es gebetsmühlenartig. Politik und Wirtschaft sorgen seit Jahren dafür, dass die Unterbringung der Unter-Dreijährigen ausgebaut wird. Doch längst nicht jeder beklatscht diese flächendeckende Fremdbetreuung: Eine gewichtige Gegenstimme gehört Dr. Rainer Böhm, Facharzt für Kinder und Jugendmedizin und Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bethel. Was er am Freitag beim Pädagogischen Fachtag „Stress – das unterschätzte Problem frühkindlicher Betreuung“ in der Ev. Familienbildungsstätte zu sagen hatte, stimmte die Besucher nachdenklich. Die Gesundheit der Kleinen, so war zu hören, sei in Gefahr.

Böhm, der schon als Sachverständiger für den Familienausschuss des Bundestages tätig war, stellte Langzeitstudien vor, die die Entwicklung von Kindern, die allzu früh fremdbetreut wurden, über viele Jahre nachzeichnen. Eine der zentralen Thesen lautet: „Je früher und je länger Kleinkinder außerfamiliär betreut werden, desto auffälliger im Sozialverhalten können sie werden.“ Die kognitive – also die intellektuelle – Entwicklung könne von frühkindlicher Betreuung profitieren, vor allem, wenn diese qualitativ hochwertig sei. Die sozio-emotionale Entwicklung, die grundlegend ist für das Sozialverhalten, aber nicht.

Von Angeberei war die Rede, Eifersucht, Streiten, Dazwischenplappern

Bei Kindern, die früh außerfamiliär betreut würden, seien im Vorschulalter häufiger negative Eigenschaften zu beobachten: Von Angeberei war die Rede, Eifersucht, Streiten, Dazwischenplappern, Clown spielen, aggressivem Verhalten, körperlichen Attacken. Noch bei älteren Kindern sind laut der Studien negative Folgen nachzuweisen: So sei die Gesundheit von Kindern, die sehr früh fremdbetreut wurden, teilweise schlechter, ihre Lebenzufriedenheit sei geringer und – erschreckend – die Kriminalitätsrate höher.

Emotional stabilen Kleinkindern könne das geltende System eher wenig anhaben, sagte Böhm. Sorgen müsse man sich aber um sensiblere Jungen und Mädchen machen. Kinder seien „darauf angewiesen, dass die Erwachsenen ihnen ein verantwortbares Stressniveau präsentieren“. Zuvorderst gehe es um sichere Bindung, zumeist zu den Müttern und Vätern. Diese führe zu höherer Konzentrationsfähigkeit, zu ausgeprägterem Einfühlungsvermögen – zu Menschen mit Selbstvertrauen, die auch Hilfe annehmen können.

Studien zu Stresshormon Cortisol

„Eltern sind oft nicht zu toppen, das sollte man nicht ohne Not aufgeben“, so Böhm. Er stellte auch Untersuchungen zu Cortisol, dem Stresshormon, vor. Danach konnte bei einigen U 3-Kindern eine chronische Stressbelastung nachgewiesen werden, die schädlich für das Nervensystem sein kann. Noch bei 15-Jährigen seien die Auswirkungen belegbar. Zudem seien Infektionskrankheiten, Neurodermitis und Kopfschmerzen bei Kleinsten in Betreuung häufiger feststellbar.

Böhm plädierte dafür, Kinder unter zwei Jahren gar nicht in Gruppen betreuen zu lassen und Kinder zwischen zwei und drei Jahren maximal halbtags. Die U 3-Betreuung müsse einen hohen Qualitätsanspruch erfüllen, Gruppengrößen müssten gering sein und eine Altersmischung sei zu vermeiden.

Dass Eltern oft den Satz hörten, sie hätten schlechtere Karten, ihre Kinder in der Kita unterzubringen, wenn diese schon drei Jahre oder älter seien, kritisierte Böhm: Es sei dringend nötig, dass die Wahlmöglichkeit für Eltern bestehe und diese gesellschaftlich anerkannt sei. Dass Eltern Gegenwind spürten, sei nicht zu akzeptieren: „Wir lassen uns zu viel bieten; die Eltern müssen kämpfen.“ Böhm appellierte auch an die Erzieherinnen: „Bilden Sie sich fort.“ Es sei immens wichtig, „stille Belastungszeichen, Stress und Traumata“ erkennen zu können – immens wichtig für die lebenslange Gesundheit der Kinder.

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