Erinnerungen an einen Clochard

Steffen Tost
Der Berliner-Stein
Der Berliner-Stein
Foto: NRZ
Mundart-Fachmann Franz Firla hat in der Obdachlosenzeitung „Fifty-Fifty“ einen Text über Erwin Weiss und den Berlin Stein an der Ruhr geschrieben.

Mülheim. Auf dem Findling direkt am Eingang zum Mügapark am Stadthallenparkplatz steht nur Berlin – ein Mahnmal, das an den Mauerbau erinnert. Als der Mundart-Spezialist Franz Firla den Stein wieder gefunden hatte, war ihm direkt wieder Erwin Weiss eingefallen. „Ein Typ wie Harry Rowohlt“, erinnert er sich . „Sein rötliches Gesicht war hinter wildwuchernden Kopf- und Barthaaren nur mühsam zu erkennen. Er trank Bier, nie Schnaps und teilte das Brot mit den Enten.“ Und geraucht hat er wie ein Schlot. Es war ein Clochard, der in den 70er Jahren am Ruhrufer abhing, das damals noch Ostruhranlage hieß und durch die mehrspurige Ruhrstraße vom Rathaus getrennt war. Mit dem Bau der Promenade wurde auch dieser Berliner Stein verpflanzt, der zum fünften Jahrestag des Mauerbaus in Berlin dort vom Ring der Politischen Jugend aufgestellt wurde.

„Die Mauer kommt weg“

Schon immer wollte der 71-Jährige über die Begegnung mit dem Stadtstreicher eine Geschichte schreiben, denn die Gespräche mit Erwin haben ihn damals beeindruckt. Noch in diesem Jahrhundert werde die Mauer verschwinden, da war sich Erwin damals ganz sicher und sollte auch Recht behalten. Wo die Notizen in seinem Schreibtisch lagen, die er sich damals gemacht hatte, wusste Firla noch genau. Welches Blatt würde sich besser für eine solche Geschichte eignen als die Obdachlosenzeitung Fifty-Fifty? Der 54-jährige Zeitungsgründer Hubert Ostendorf war von der fertigen Geschichte, die ihm Firla vorlegte begeistert und druckte sie in Auszügen. Sie bewegt sich zwischen Dichtung und Wahrheit. Und es war dann ein NRZ-Leser, der uns auf die Geschichte in der Fifty-Fifty aufmerksam machte und wissen wollte, ob es denn tatsächlich einen Berlin Stein gebe.

Angestoßen hatte den Kontakt zu Erwin ein vorwitziger Schüler. Firla, der damals an der heutigen Willy-Brandt-Gesamtschule unterrichtete, hatte seinen Schülern die Aufgabe gestellt, einige Erwachsene zu ihren Berufen zu befragen. „Auch Penner?“, wollte einer wissen, was Firla eher spaßeshalber bejahte. Doch dieser Schüler kam tatsächlich mit einigen Zeilen des Obdachlosen und der Frage zurück, wer denn diese dämliche Aufgabe gestellt habe. Mehrfach hat er ihn besucht, mit ihm geraucht („er Roth-Händle, ich HB“) und sich mit ihm unterhalten. Wo er herkam, weiß niemand. Die Farbe des Nachnamens deutet auf eine jüdische Herkunft hin, er benutzte auch einige typische jiddische Formulierungen und, wenn sich Firla richtig erinnert, sprach er mit einem rheinischen Tonfall. Zwei Sätze von Erwin Weiss sind Firla besonders präsent geblieben. „Demokratie ist die Kostümierung der Macht als Volkswille“ und „Was wir Leben nennen, ist ein Krebsbefall in einem winzigen Teil des Alls“. Es gibt häufiger Situationen, da mus Firla an diese Sprüche denken. Zunächst dachte er, sie stammten aus einem Buch, das Erwin früher einmal gelesen hatte. Inzwischen habe er die Sätze erfolglos gegoogelt, erzählt Firla, der nun überzeugt davon ist, dass es sich um die eigenen Gedanken von Erwin handelte. Einmal hat er ihn überreden können, sich zu einem Eis einladen zu lassen, dann machten sie sich beide auf den Weg zu Plati. „Er barfuß, ich mit weißen Socken und Sandalen“, erzählt er und erinnert sich an einige abfällige Blicke. Aber Erwin schien es zu genießen, wie Firla an dessen verschmitzten Gesichtsausdruck ablesen konnte. Anfang der 80er Jahre ist Erwin, der damals sicher schon über 50 gewesen sein muss, so spurlos verschwunden wie er aufgetaucht war.

Firla erinnert der Stein in der Müga an diese Bekanntschaft. Berlin und Erwin – das sind nur zwei Buchstaben Unterschied. Und es bleibt die Erkenntnis, dass man Menschen schnell falsch einschätzt.