Eine Schule für alle

Inklusion - dieser Begriff geistert schon seit einiger Zeit durch die Kaffeerunden in Lehrerzimmern. Und auch an manchen Eltern-Stammtischen wird er eifrig diskutiert. Allerdings nicht so, wie sich das die Landesregierung wünschen würde. „Das auch noch“ hört man da eher als „Wir schaffen das“. Gleichwohl eine Vision von einer Schule der Zukunft ist es schon, die sich hinter diesem Schlagwort verbirgt. Mathias Kocks ist sich sicher, dass in einem Jahrzehnt schon vieles aus dieser Vision Wirklichkeit sein wird. Klar, Kocks ist engagierter Bildungspolitiker, aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Bildungsfragen der SPD, sowohl vor Ort als auch auf Bundesebene. Kocks schreibt aber nicht nur an Parteiprogrammen mit, sondern als Lehrer ist der stellvertretende Schulleiter der Willy-Brandt-Schule auch ein Praktiker. Er weiß, worüber seine Kollegen stöhnen, denn darüber stöhnt er ja oft auch. Aber trotzdem ist ihm seine bildungspolitische Vision nicht aus dem Blick geraten. Dieser Doppelblick macht Kocks zu einem interessanten Gesprächspartner.

Nur noch Ganztagsschulen

Ausschluss - so heißt für Kocks das Gegenteil von Inklusion. Für ihn geht es nicht nur darum, behinderte Kinder und Jugendliche in den regulären Schulunterricht zu integrieren. Aus seiner Perspektive sollten alle Kinder zusammen in einer Schule lernen. Und damit sind wir bei der Schulsystemdiskussion angelangt. Der über Jahrzehnte erbittert zwischen Rot und Schwarz ausgefochtene Schulkampf ist schon seit einigen Jahren merklich ideologisch abgekühlt. „Ich gehe davon aus, dass es künftig zwei Schulsäulen geben wird: Eine des gemeinsamen Lernens und eine gymnasiale.“ Und: „Alle werden Ganztagsschulen sein.“ Ein weiterer Aspekt, der ihm wichtig ist: Vom pädagogischen Ansatz her werden die Gymnasien eher etwas von dem Gesamtschulen übernommen haben als umgekehrt. Seine Prognose: „Das Gymnasium ist als Schule aber für bestimmte Gruppen aus dem Bildungsbürgertrum immer noch attraktiver. Deswegen wird diese Marke beibehalten werden.“ Das sei zwar letztlich inkonsequent, aber einen Bruch des Schulfriedens solle man dafür nicht riskieren. Schulfrieden - den sieht Kocks also auch für die Zukunft gegeben - endgültig.

Es werde in einem Jahrzehnt auch noch unterschiedliche Fächer geben, aber letztlich seien die Inhalte, die gelehrt werden, fächerübergreifend. Es gehe nicht mehr um das Allgemeinwissen, mit dem man bei „Stadt, Land, Fluss“ punkten kann - Kocks ist Erdkundelehrer -, sondern um „Kompetenzen“. Auch so ein Begriff, der bei Praktikern genauso umstritten ist wie er bei Fachkonferenzen von Pädagogen in aller Munde ist. Kocks hat ein konkretes Bild vor Augen, wenn er an einen Unterricht denkt, der diesen Ansatz folgt: seinen Erdkunde-Leistungskurs. Frontalunterricht gibt es dort nicht mehr. Die Schüler arbeiten selbstständig allein oder in Arbeitsgruppen an einem festgelegten Arbeitsplan. Regelmäßig finden Konferenzen statt, in denen die einzelnen Ergebnisse besprochen werden. In den Arbeitsphasen hat der Lehrer dann Zeit, die Schüler individuell zu betreuen, Fragen zu beantworten aber auch zu testen. Hier würden Arbeitstechniken gelernt, Kompetenzen eben, die auch im Arbeitsleben gebraucht werden, ist sich Kocks sicher. Und noch etwas sei in zehn Jahren selbstverständlicher, dass die Schüler ihr Smartphone als Hilfsmittel für den Unterricht nutzen - so wie Füller, Mäppchen oder Geodreieck. In seiner Schule gibt es ab dem Sommer schon flächendeckendes WLAN, heute noch eher eine Ausnahme, doch in einem Jahrzehnt, so glaubt er, an allen Schulen Standard. Schließlich, so ist Kocks überzeugt, wird sich auch sein Beruf ändern. „Ich unterrichte keine Fächer, ich unterrichte Schüler. Es wird mehr um pädagogische Fähigkeiten gehen.“

 
 

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