Eine Einladung zum Staatsoberhaupt

Rosa und Anoar Derbo begleiten Reinhard Jehles zum Empfang des Bundespräsidenten. Hevidar Mert übersetzt.
Rosa und Anoar Derbo begleiten Reinhard Jehles zum Empfang des Bundespräsidenten. Hevidar Mert übersetzt.
Foto: Stephan Glagla / Funke Foto Services
Mit der Einladung zum Fest von Joachim Gauck in Berlin wird die Arbeit der WiM geadelt. Initiator Reinhard Jehles nimmt zwei Flüchtlinge mit zum Empfang.

Mülheim. Es gibt Glücksmomente und Überraschungen, da fehlen einem schlicht die Worte und manchmal ist das Ereignis so großartig, dass kein Wort dafür stark genug ist. Was ist nicht alles super cool im Leben einer 18-Jährigen? Aber welcher Teenager hat schon die Ehre, beim Bürgerfest des Bundespräsidenten in Schloss Bellevue in Berlin dabei zu sein? Für einen syrischen Familienvater, der bei der VHS gerade seinen Sprachkurs absolviert, gilt das umso mehr. Aber die Körpersprache, die Mimik und die Gestik erzählen schon viel darüber, wie überwältigend es für Anoar Derbo sein muss, mit seiner Tochter Rosa am 11. September unter den tausend Ehrengästen von Joachim Gauck zu weilen.

Er strafft den Rücken selbstbewusst, strahlt, dass es ein Interesse an seiner Person gibt, und ein Anflug von Stolz huscht über sein Gesicht. Die beiden Flüchtlinge und die Oberhausener Abiturientin Pelin Hevidar Mert als Dolmetscherin begleiten am kommenden Freitag WiM-Initiator Reinhard Jehles, der eine persönliche Einladung des Bundespräsidenten erhalten hatte. Im Rampenlicht zu stehen, ist eigentlich nicht so recht die Sache von Reinhard Jehles, so wollte er dann wenigstens Flüchtlinge als seine Begleiter in den Mittelpunkt rücken. Mit einer fremden Frau in Berlin aufzumarschieren, das geht natürlich nicht, so kam er auf die Idee, die Derbos mitzunehmen.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Mit dieser Familie hat vor etwas mehr als einem Jahr alles angefangen. Ihnen wollte Jehles mit einem Aufruf bei Facebook helfen, was dann eine gewaltige Welle der Hilfsbereitsschaft nach sich gezogen hat. Wer wäre besser geeignet als diese Familie. Anoar steht außerdem regelmäßig in der WiM-Annahmestelle und packt eifrig mit an. Rosa, die 15-jährige älteste Tochter, mitzunehmen, das war kein Problem, wie Jehles im Kleingedruckten las. Ein Kind könne man noch zusätzlich mitbringen. Und als klar war, dass WDR und NRZ auch noch zum Gefolge zählen, war auch der Sicherheitscheck nicht mehr ein so großes Problem.

Seit drei Jahren leben die Derbos nach dramatischer Flucht über das Mittelmeer in Mülheim und sind als Flüchtlinge anerkannt. Und für Hevida Mert hat der 62-Jährige WiM-Initiator dann auch noch einen Platz locker gemacht. Sie spricht unter anderen Kurdisch und Türkisch fließend und kennt sich mit Politik und Geschichte gut aus – bald wird sie Öffentliche Verwaltung („Public Government“) studieren. „Im Internet war ich auf einen Film über die WiM gestoßen und da ich bis zum Start des Studiums etwas Sinnvolles machen wollte, schaute ich an der Solinger Straße vorbei“, erzählt sie.

Kleider machen Leute

Im Zug wird die 18-Jährige den Derbos einige Fakten über das, was sie erwartet, näher bringen. Reichstag, Brandenburger Tor und das Holocaust-Mahnmal stehen auf dem Programm, ehe es zum Bundespräsidenten geht. Begleitet werden sie bei der Sight-Seeing-Runde von Norbert Schellberg, dem Bruder des Pia-Geschäftsführers Frank, der wie Jehles Gründungsmitglied der Mülheimer Grünen ist, aber schon seit den späten 80er Jahren in unterschiedlichen Positionen für die Berliner Grünen aktiv ist. Beim Festakt wird sie dann der SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare erwarten.

Ein Flüchtling kann sich keine gute Garderobe für einen Besuch des Bundespräsidenten leisten. Also hat Jehles bei Walbusch in Solingen angerufen, wo er selbst seine Hemden kauft. Dort war man rasch bereit, den 43-Jährigen Anoar Derbo einzukleiden. Und der DJ und Getränkehändler Caba Kroll, der die WiM schon lange unterstützt, bot an, auf seine Kosten mit den beiden Mädels im Centro shoppen zu gehen. Schon das machte den beiden großen Spaß. Caba Kroll hatte seine 18-jährige Tochter Lilli mitgebracht, so dass es gut passte. Nachdem sie in fünf Geschäften allerhand anprobiert hatten, war es gefunden: das klassische kleine Schwarze für Hevidar und ein elegantes, figurbetontes Kleid für Rosa. Spontan schlüpfen die Derbos auf Wunsch der NRZ in ihre neuen Kleider. „Kleider machen Leute, aber eben auch Flüchtlinge“, sagt Reinhard Jehles.

 
 

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