Ein Nest mit Mächtigen

Mülheim an der Ruhr: Lage: 51° 26’ N , 6° 53’ O; Fläche: 91,28 Quadratkilometer, Einwohner: knapp 167 000. Stadtrechte seit 1808. Erste bergfreie Stadt im Ruhrgebiet. Einst Hochburg der Lederindustrie und quasi Wiege der Kunststoffindustrie. Heute: junge Hochschulstadt. Eine Stadt mit zwei Max-Planck-Instituten. Eine Stadt mit Bekannten und Mächtigen, einst wie heute.

Nehmen wir nur mal „Olle Hansen“, der mit richtigem Namen Peter-Torsten Schulz heißt und einer der meistverkauften Künstler und Autoren Deutschlands ist. Er lebt hier wie Helge Schneider. Oder wie einst Otto Beisheim, der seinen ersten Cash & Carry-Markt in Mülheim eröffnete, immerhin der Ursprung des heutigen Metrokonzerns. Oder wie Karl Ziegler, der Nobelpreisträger. Mülheim – ein Dorf der Klugen, der Mächtigen, der Kreativen?

Immerhin kommt jetzt auch die Erste Frau des Landes, Hannelore Kraft, aus Mülheim, wohnt mit der Familie in Dümpten. Immerhin kommt die Gesundheitsministerin des Landes, Barbara Steffens (Grüne) aus Mülheim. Immerhin hat auch der Justizminister des Landes, Thomas Kutschaty zumindest einen Teil seines Wahlkreises in Mülheim, und der frühere Kanzleramtsminister Bodo Hombach lebt hier. Die Garde der Großen reicht zurück bis August Thyssen oder Hugo Stinnes, die ihre Weltkonzerne hier aufbauten und steuerten.

Glanz alter Zeiten

Man begegnet der großen Vergangenheit heute noch in der Stadt: Gehen wir in das Haus Urge. Es liegt in einem jener Viertel, die zu denen mit dem Prädikat „Da möchte ich auch wohnen“ gehört. Es ist die einstige Villa von Hugo Stinnes jr., 1100 Quadratmeter, kleiner Pool im Garten, wo Stinnes jeden Morgen zwischen sieben und acht Uhr schwimmen ging. Noch heute kommt einem beim Betreten eine historische Aura entgegen. Großer Kamin im Eingang, und jener Flügel steht dort, an dem Albert Schweitzer einst als Gast saß und musizierte. Ein Haus, das Größe ausstrahlt und von denen es noch etliche in Mülheim gibt. Glanz alter Zeit, die in die Neuzeit strahlt.

Eben in jenem Haus Urge trafen sich auch einst Willy Brandt und Walter Scheel und besiegelten damals die sozial-liberale Koalition. Heute residiert „Zenit“ an der Stätte, ein Netzwerk, das Unternehmen im Land berät, europaweite Kontakte knüpft und Fördertöpfe öffnet.

Mülheim gilt als beschaulich, gar nicht so typisch für das Ruhrgebiet. Die höchste Rate an Schulabgängern mit Abitur in NRW gibt es hier. Bildungsstandort Nummer 1 ist das Ziel. Seit fünf Jahren darf sich Mülheim auch Hochschulstadt nennen, Schwerpunkt Ingenieurwissenschaften. Das freut zum Beispiel Siemens am Ort, das Unternehmen, das Ingenieure braucht, um zum Beispiel die weltweit größten Turbinen zu entwickeln.

Die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich eher gering, die Wirtschaftskraft hoch, wie das durchschnittliche Einkommen. „Stadt der Millionäre“ heißt es auch oft. Ja, es gibt sie hier, weil sie hier gut leben, sehr gut, sehr vornehm, sehr teuer, etwas abgeschirmt, mitten im reichlich vorhandenen Grün, einen Sprung nur bis Düsseldorf, gleich um die Ecke von Essen. Mülheim wirbt als Wohnstadt, ist dabei, diese zu forcieren, nicht ohne Widerstand in der Bevölkerung.

Gegenwind gibt’s in Mülheim oft und reichlich. Das Bildungsbürgertum mischt mit in der Politik, die sehr kontrovers sein kann. Dass eine Wählerinitiative, die ihren Ursprung in Bürgerinitiativen hat, bis vor kurzem noch die drittstärkste Kraft im Rat war, sagt viel über Einmischen und Mitmischen aus. Oder auch, dass zur letzten Kommunalwahl gleich fünf Bürger- oder Wählerbündnisse antraten. Das pflegt man, schaltet gerne auch mal höhere Instanzen und Gerichte zum Schlichten und Klären ein. Am Ende verträgt man sich doch. Man läuft sich ja doch wieder schneller über den Weg als gedacht.

Wim Tölke im Tor

Die SPD war stets die große Kraft in der Stadt. Das ist sie schon lange nicht mehr, sie sieht sich eher einem wachsenden Misstrauen gegenüber. Zwar bildet sie noch die stärkste Fraktion, ist jedoch machtlos ohne Partner – und den hat sie nicht. Da reicht die alte Größe auch nicht mehr aus, um zu verhindern, dass ein von der Wirtschaft gewünschter Flughafen zum Auslaufmodell erklärt wird, was die einen als Erfolg feiern, andere als unfassbar bezeichnen.

Was ist das für ein Nest, in dem der frühere RWE-Chef Jürgen Großmann zur Welt kam, wo sich der damalige Bundeswirtschaftsminister und spätere RAG-Chef Werner Müller sein Heim suchte, wo der einstige ADAC-Boss gut und gerne lebt, wo die Bundeskanzlerin zum Privatbesuch bei der Familie Haub, den Tengelmännern, auftaucht? Wo einst Wim Tölke im VfB Speldorf im Tor stand? Zumindest ist es eine Stadt, in der viele gerne auch Führung übernehmen wollen. Selbst die Kirche. Mit ihrer katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ versucht sie mit Hilfe von Geistesgrößen aus dem In- und Ausland im Mülheimer Süden Antworten auf die zentralen Fragen der Welt zu finden. Tausende aus ganz Deutschland kommen jedes Jahr in den Speldorfer Wald, um dort mit zu denken, mit zu diskutieren. Hier treffen Handwerker auf Hochschullehrer, Bischöfe auf Atheisten. „Die Wolfsburg“ strahlt aus wie das Theater an der Ruhr, das Bühnenkunst als Brücke versteht in Länder und zu Menschen, in denen eher Krieg denn Kultur vorherrscht.

Sprecherin der Armen

Auch die Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld richtet ihre Stimme über die Stadt hinaus. Die zierliche Frau kann sehr bestimmt den Ton angeben, wurde zur Sprecherin all jener Städte gemacht, die es leid sind, immer tiefer in den finanziellen Abgrund zu stürzen.

Da geht es Mülheim mit bald 1,5 Milliarden Schulden schlechter als vielen anderen, was sich der Mann oder die Frau auf der Straße so recht nicht erklären können. Selbst mancher Politiker muss passen mit der Antwort auf die Frage, warum die Stadt so tief in der Kreide steht und froh sein muss, ein altes Schwimmbad noch mal so gerade für die Bürger herrichten zu können. Insofern ist Mülheim wieder eine ganz normale Stadt im Jahr 2014.

 
 

EURE FAVORITEN