Eden (4) stürzt aus der 2. Etage in die Arme seines Retters

Der kleine Eden (4) auf dem Arm seines Retters Bogdan Wilda. Daneben die Kollegen Friedhelm Kuhles und Dennis Reichelt (v.l.).
Der kleine Eden (4) auf dem Arm seines Retters Bogdan Wilda. Daneben die Kollegen Friedhelm Kuhles und Dennis Reichelt (v.l.).
Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services
  • Drei Mitarbeiter der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft haben einen vierjährigen Jungen vor schweren Verletzungen bewahrt
  • Der kleine Eden hing von außen am Fensterbrett im  zweiten Obergeschoss
  • Als ihn die Kräfte verließen, konnte ein Müllmann das Kind auffangen

Mülheim. Was für ein Horrorszenario: Ein Kleinkind hängt mit ausgestreckten Armen an einer Hausfassade, klammert sich mit letzter Kraft ans Fensterbrett in knapp sieben Metern Höhe. Dann verliert der Junge den Halt und stürzt ab, aus der zweiten Etage.

Wäre Bogdan Wilda nicht genau in diesem Moment da gewesen, stünde Eden, der Vierjährige, jetzt vermutlich nicht gesundheitlich unversehrt auf der Wiese. Etwas verlegen nestelt er am Plüschfell seines Stofftiers herum. Bogdan Wilda und seine Kollegen Dennis Reichelt und Friedhelm Kuhles, allesamt Müllwerker bei der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG), sind gerade auf ihrer Tour entlang der Aktienstraße und holen Mülltonnen aus den Kellern, als sie eine Kinderstimme rufen hören: „Feuerwehr! Feuerwehr!“ Als Dennis Reichelt sich umdreht und nach oben blickt, traut er seinen Augen nicht: Da hängt ein Kind, im zweiten Stock.

Nach Sekunden verlassen Eden die Kräfte

„Ich habe echt einen Moment gebraucht, um zu realisieren, was da gerade passiert“, sagt der 36-Jährige und schildert: „Der Junge hielt sich nur noch mit einem Arm fest, seine Schlappen lagen schon auf dem Bürgersteig.“ Von da an hätten sie nur noch instinktiv gehandelt, gar nicht mehr nachgedacht.

Dennis Reichelt und Friedhelm Kuhles versuchen in das Haus zu gelangen, drücken alle Klingeln, stürmen schließlich durch den Flur, kommen aber an der Wohnungstür der Familie nicht weiter – verschlossen. Bogdan Wilda bleibt draußen, hält den Jungen im Blick und schon bald in den Armen. Denn nur Sekunden, nachdem die Müllwerker an dem Haus ankommen, kann sich der Vierjährige nicht mehr am Fensterbrett halten.

Schutzengel in orangefarbenen Latzhosen

Wie ist es dem Müllwerker bloß gelungen, den Jungen aufzufangen? Der bärtige Mann zuckt mit den Schultern und zeigt verschmitzt auf seinen Bauch – dieser hat den Sturz wohl abgefedert. „Es ist so schnell gegangen“, sagt er. Irgendwie habe er das Kind zu fassen bekommen – und schließlich sei alles gut gegangen. Nur das zähle in diesem Moment, da sind sich die drei Schutzengel in den orangefarbenen Latzhosen einig.

Der Rettungsdienst der Feuerwehr Mülheim stellt nur eine leichte Verletzung am Arm des Jungen fest, ansonsten ist Eden unversehrt. „Der hat noch nicht mal doll geweint. Wohl, weil er so unter Schock stand“, erzählt Dennis Reichelt. Und Friedhelm Kuhles, selbst Vater von drei Kindern, sagt: „Was da eigentlich passiert war – und wie tragisch das hätte enden können, das haben wir erst realisiert, als wir später wieder im Müllwagen unterwegs waren.“

Mutter ließ Vierjährigen allein zu Hause

Warum konnte der vierjährige Eden unbemerkt aus dem Fenster klettern? Am Nachmittag ist Edens Vater noch immer sichtlich erschüttert, wieder und wieder schüttelt er den Kopf, wischt sich mit der Hand über die Augen. Seine Frau war mit dem Sohn am Vormittag zuhause gewesen, der Junge war krank und konnte deshalb nicht in die Kita „Purzelbaum“, die er normalerweise besucht. Als dann die Grundschule anrief und die Mutter bat, ihre Tochter abzuholen, weil auch das Mädchen plötzlich krank geworden war, ließ die Frau den Vierjährigen, der eingeschlafen war, alleine zuhause.

In dieser Zeit sei der Junge wohl aufgewacht, auf das Fensterbrett geklettert, habe das Fenster geöffnet und sei dann abgerutscht, skizziert Polizeisprecher Ulrich Faßbender den Vorfall. Die Mutter erwarte nun eine Strafanzeige wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht, erläutert der Polizeihauptkommissar.

Stadtsprecher: Familie war nie auffällig

Auch der Kommunale Soziale Dienst der Stadt wurde hinzugezogen. Die Mitarbeiter hätten direkt Seelsorger für die Familie vermittelt, damit die das Geschehene verarbeiten könne, berichtet Stadtsprecher Volker Wiebels und erläutert: „Es gibt keine weiteren Anhaltspunkte für Auffälligkeiten in der Familie. Sie war dem Jugendamt vorher nicht bekannt. Es gibt auch jetzt keine Anzeichen dafür, dass die Familie alleine nicht zurecht kommt.“

Am Nachmittag treffen der kleine Eden und seine Retter ein zweites Mal aufeinander: Viele Medien wollen über die Helden aus Mülheim berichten. Bogdan Wilda nimmt den Jungen ein zweites Mal auf den Arm – da können beide schon wieder lächeln.

 
 

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