Die zerrissene Generation

Auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft: Soziologe Klaus Hurrelmann hat beobachtet, dass sich in der heutigen Jugend, der „Generation Y“, viele Widersprüche finden.
Auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft: Soziologe Klaus Hurrelmann hat beobachtet, dass sich in der heutigen Jugend, der „Generation Y“, viele Widersprüche finden.
Foto: Gromnitza
  • Die Generation Y steckt laut Hurrelmann voller Widersprüche
  • Junge Menschen ohne Abitur sind mittlerweile in der Minderheit
  • Wer keinen Abschluss hat, gilt als sozial abgehängt

Mülheim.. Das ist die Jugend von heute: eine Generation von Smartphone-süchtigen Egoisten, die opportunistisch handeln, taktieren, den eigenen Vorteil stets im Blick haben. Eine Generation, die sich alles offen hält und sich bloß nicht zu früh auf irgendetwas festlegen will; die versucht, die eigene Unsicherheit auf möglichst steilem Bildungsweg hinter sich zu lassen und dabei auch mal die Ellenbogen einsetzt, um den Drang nach Selbstverwirklichung zu befriedigen. Später ordentlich verdienen? Gerne. Aber bitteschön, ohne sich kaputt zu arbeiten.

Auch das ist die Jugend von heute: eine Generation von sozial engagierten Am-Boden-Gebliebenen, die wunderbar mit ihren Eltern klar kommen, sich an ihnen orientieren, sie in allen Lebenslagen um Rat fragen und später oft und gern in ihr Reihenhaus einladen werden, um möglichst viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Eine Generation, die Stabilität, Halt und Geborgenheit sucht und sich nach Feierabend vor dem hektischen, informationsüberladenen Alltag in die Gartenarbeit flüchtet.

Junge Menschen voller Widersprüche also: Das ist die „Generation Y“, geboren im Zeitraum etwa zwischen 1985 und 2000. Zu diesem Ergebnis kommt Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, renommierter Soziologe, Buchautor und Gastredner beim vierten Talent-Talk in der Hochschule Ruhr West, dem ersten öffentlichen. Im Publikum: vorwiegend Schüler, Studierende und Talent-Scouts, die in den Schulen der Region nach jenen suchen, die ihr Potenzial mit eigenen Mitteln nicht auszuschöpfen wissen.

Julia Hoffmann ist 18 Jahre jung, Gymnasiastin der Luisenschule, 12. Klasse. Professor Hurrelmanns Theorie kennt sie aus dem Pädagogik-Leistungskurs. Von seinem Vortrag hat sie aus der Zeitung erfahren. Ihre Eltern sind Akademiker. Die starke Präsenz der Eltern in ihrem Alltag findet sie normal. „Ich frage sie immer zuerst um Rat, nie jemand anderen.“ Es gab eine Zeit, da war es regelrecht verpönt, dass einen die eigenen Eltern von der Schule oder, schlimmer noch, von einer Party abholten. Diese Zeit ist offenbar vorbei. „Ist doch cool für die Eltern“, sagt Julia, „da können sie ihr Auto zur Schau stellen.“

Die Zerrissenheit, die die „Generation Y“ charakterisiert, gründet laut Hurrelmann in einer für sie ziemlich bedrohlichen Lebenswirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die ihre strebsamen Eltern, auch nach Florian Illies’ Bestseller die „Generation Golf“ genannt, so nicht kannten. Zum einen ist da der Zwang, in einer digitalisierten Welt so viel Informationen aufzusaugen wie nur möglich. Das stresst. Mit der Wirtschaftskrise groß zu werden, auch. In Zeiten, in denen 30 Prozent eines Jahrgangs keinen Ausbildungsplatz bekommen, lautet die Botschaft: „Ihr seid zu viele“. Dazu kommt die öffentliche Verunsicherung. Der 11. September, Paris, all der Terror der vergangenen Jahre vermittelt das Gefühl, die Politik kann die Gesellschaft nicht steuern, junge Menschen stehen heutzutage „auf schwankendem Boden“. Auch Umweltkatastrophen wie der Atomunfall in Fukushima oder ganz allgemein die Erderwärmung bringen die „Generation Y“ ins Schwitzen. Das „Y“ wird im Englischen ausgesprochen wie das Fragewort „why“, warum. Eine Generation, die alles hinterfragt.

Was sie eint, ist die eingangs erwähnte Allianz mit Eltern und Lehrern. Während Hurrelmanns Generation, die „68er“, gegen das Spießertum der Eltern rebellierte und an den Universitäten den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren beseitigte, hat die Jugend von heute das Kriegsbeil begraben. Rebellion ist schwierig geworden: Färbt sich der Sprössling die Haare grün, läuft er Gefahr, dass die Mutter Gefallen daran findet und es ihm gleichtut. Widerstand zwecklos. Überhaupt, das „Hotel Mama“ hat Hochkonjunktur (laut Hurrelmann leben heute zwölf Prozent der 30-jährigen Männer noch zuhause), Mutti und Vati werden die wichtigsten Karriereberater. Ihr Tipp: Macht Abitur. Das, so der Soziologe, wünschen sich 70 Prozent aller Eltern, immerhin 55 Prozent eines Jahrgangs kommen diesem Wunsch nach. Wer also heute kein Abitur hat, gehört einer Minderheit an und muss die Benachteiligung am Arbeitsmarkt fürchten. Wer aber gar keinen Abschluss vorweisen kann, gilt von vornherein als sozial abgehängt. Diese Gruppe beziffert Hurrelmann pro Jahrgang mit 20 Prozent. Das wiederum führt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu dem Gefühl, außer dem „Tauschwert eines Bildungszertifikats“ nichts mehr in der Hand zu haben. Lehrkräfte beobachten diese Entwicklung und tendieren daher dazu, bessere Noten zu vergeben. Was an dieser Stelle die Frage aufwirft, wie man noch Vergleichbarkeit herstellen und Durchlässigkeit im Bildungssystem fördern kann, wenn – überspitzt formuliert – auf dem Papier alle mehr oder weniger gleich gut sind.

Nach dem Abitur will Julia Hoffmann studieren, daran bestand eigentlich nie ein Zweifel. Wohl auf Lehramt an Grundschulen. Aber das lässt sie sich noch offen: „Vielleicht habe ich ja plötzlich noch eine Eingebung.“ Wären ihre Eltern nicht, glaubt sie, hätte sie mit Blick auf ihre berufliche Zukunft schon ein wenig Sorge. „Aber ich fühle mich wegen meiner Eltern sicher, sie würden mich auffangen. Ich weiß, dass ich da Glück habe.“

Vier grundlegende Typen hat Hurrelmann in der „Generation Y“ ausgemacht: den „Macher“, den „Idealisten“, den „Zögerlichen“ und den eben erwähnten „Bildungsverlierer“. Während die ersten beiden Gruppen rund 50 Prozent eines Jahrgangs stellen und heute die Hochschulen bevölkern, ist es um die letzte ziemlich schlecht bestellt. Hurrelmanns ernüchternde Erkenntnis: Diese 20 Prozent sind „zementiert“, ihnen ist kaum beizukommen. Es handelt sich überwiegend um junge Männer, etwa die Hälfte mit Migrationshintergrund. Der soziale Ausschluss befeuert „Versagergefühle“. Während junge Männer dazu neigen, Gründe fürs Scheitern bei anderen zu suchen und in Folge anfällig für Gewalt und Extremismus werden, schauen junge Frauen auf sich selbst. Überhaupt, die Frauen. Ihre Bildungsabschlüsse sind mittlerweile in jedem Bereich die besseren, vom Übergangszeugnis nach der Grundschule bis hin zum Diplom. Demnach müsste sich die Frauenquote mittelfristig selbst abschaffen.

Julia Hoffmann ist ziemlich gut in der Schule. Doch anders als Jungen, die gern mal zur Selbstüberschätzung neigen, ist sie bei der Einschätzung der eigenen Leistung vorsichtiger. Ständig gute Noten zu haben, macht sie nicht gelassener, im Gegenteil, das macht ihr Druck: „Weil ich das nächste Mal immer gleich gut oder besser sein will.“ Julia glaubt, dass der Grund dafür, dass Frauen auf allen Bildungswegen besser abschneiden als Männer, in einem überholten Rollendenken liegt: „Frauen müssen sich ständig aufs Neue beweisen und sind daher auf einem höheren Niveau unzufrieden.“

Die Gruppe der „Zögerlichen“ ist die, auf die die Talentscouts der Hochschulen ganz genau schauen. Hurrelmann sieht bei ihnen gute Voraussetzungen, aus bestimmten Gründen aber hätten sie den Anschluss verloren. „Diesen jungen Menschen suchen keinen Sündenbock“, befindet er, „sie warten auf Impulse.“ Warum sie nicht vorankommen, wie ihre Ansprüche an sich selbst sind, ob kognitive Defizite vorliegen oder soziale, etwa mangelnde Kontaktfähigkeit oder Kooperationsbereitschaft: Das herauszufinden ist „per se“ Aufgabe der Scouts. Als zuverlässiger Ansprechpartner sollen sie dienen, denn einen Begleiter, der sagt: „Ich bleibe bei dir, ich laufe nicht weg“ hätten die „Zögerlichen“ noch nicht erlebt.

Zielvereinbarungen, was schulische Leistungen angeht, sollten die Scouts ruhig schriftlich formulieren. Schülern muss klar werden, dass ihr Bildungsweg nicht komplett individualisierbar ist, dass vieles in unserer Gesellschaft institutionalisiert ist, dass nicht alles alleine machbar ist. Anders formuliert: Der Konflikt „innere gegen äußere Realität“ muss gelöst werden.

Markus Kottmann, Leiter Strategische Projekte an der Westfälischen Hochschule und einer der Pioniere der Talentförderung durch Hochschulen in NRW, ist unter den Zuhörern im Hörsaal 2, Gebäude 6. Die Unterteilung einer Generation in vier Gruppen empfindet er als zu pauschal, auch an dem Begriff „Zögerliche“ stört er sich. Er weist hin auf die „Unauffälligen“, die brav ihre Dreien nach Hause bringen und in den Statistiken, die nur Ausschläge nach oben und unten aufzeigen, unter dem Radar fliegen – obwohl sie „Leistungen im Kontext“ erbringen. Dazu zählt Kottmann beispielsweise jene, die mitarbeiten müssen, um die Familie zu ernähren, die keinen Raum zur Entfaltung haben und sich unter diesen Umständen dennoch wacker schlagen. Die muss das Scouting aufspüren: „Macht ihnen eine Tür auf und sagt ihnen: ,Geht selbst durch.’“

Die Talent-Scouts, die Hurrelmanns Ausführungen hören, treiben vor allem zwei Dinge um: Wie ist die Gruppe der Abgehängten, der „Bildungsverlierer“, noch zu erreichen? Und wie lange ergibt eine Begleitung Sinn?

Zunächst einmal rät Hurrelmann, den Anteil von Männern und Frauen in Scouting-Teams in etwa gleich zu halten, um sich bei der Ansprache von Jugendlichen in typisch männliche oder weibliche Verhaltensmuster eindenken zu können. Bei den „Bildungsverlierern“ haben es die Scouts mit „Egotaktikern“ zu tun. Hier dürfe es nicht heißen: „Ich tue dir einen Gefallen.“ Die Verhandlungsbasis soll sein: „Wenn du Leistung bringst, bringe ich dir eine Gegenleistung.“ Um langfristig Erfolg zu haben, sollte auch die Begleitung durch Scouts möglichst langfristig erfolgen, im Idealfall die ganze Schullaufbahn über. Die Arbeit der Scouts wird auch noch einmal reflektiert in einer speziellen Beratung, einer Supervision . Diese Beratung übernehmen später dafür ausgebildete Lehrer. Klappt das nicht wie gewünscht, greift der Scout wieder ein. Hurrelmanns Vorstellung von moderner Pädagogik: Nicht nur Lehrer gehören an die Schulen („Das ist so ein deutsches Ding“), sondern auch Sozialarbeiter, Mediziner, Sporttrainer, Theaterregisseure – Schule als „lebendiger sozialer Kosmos“.

Julia Hoffmann hat tatsächlich eine gewisse Zerrissenheit in ihrer Generation ausgemacht. Da seien diejenigen, die sich in einer Sache voll und ganz verschreiben - zum Beispiel die Umweltbewussten, die Plastiktüten und die, die sie nutzen, „sch... finden“. Und dann gibt es noch die,, denen alles völlig egal ist. Julias Schluss: „Alle neigen zu Extremen. Es gibt keinen gesunden Mittelweg mehr.“

EURE FAVORITEN