Die ÖPNV-Debatte steht in Mülheim wieder am Start

Eine Zukunftsvision, die laut Gutachter Modell sein könnte für andere chronisch klamme Revierstädte, die nicht wissen, wie sie ihre U-Bahnen finanzieren sollen: Geprüft wird, die U18 an die Oberfläche zu holen.
Eine Zukunftsvision, die laut Gutachter Modell sein könnte für andere chronisch klamme Revierstädte, die nicht wissen, wie sie ihre U-Bahnen finanzieren sollen: Geprüft wird, die U18 an die Oberfläche zu holen.
Foto: WAZ FotoPool
Die Umsetzung des Nahverkehrsplanes ist bisher nur in kleinen Teilen umgesetzt, da prüfen politisch bestellte Gutachter schon wieder, wie das ÖPNV-Netz bis 2040 umgekrempelt werden kann.

Mülheim..  Erst in dieser Woche hat die Politik eine Millionen-Investition für die Straßenbahnstrecke am Werdener Weg freigegeben. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass die gleichen Politiker am Ende des Jahres schon beschließen werden, an dieser Stelle in Zukunft gar keine Straßenbahn mehr fahren zu lassen, sondern Busse. So zumindest wiederzufinden in den Szenarien, die die aktuell eingeschalteten Gutachter zur Frage „Zukunft des schienengebundenen Nahverkehrs“ untersuchen. Folgend die sechs Zukunftsperspektiven für 2040, die in Abstimmung mit der Stadt geprüft werden.

Szenario 1: Aufgabe Schienennetz. Mülheim wird Busstadt. Hierzu stellen die Gutachter wenig überraschend fest, dass in diesem Fall Fördermittel in beträchtlicher Höhe zurückzuzahlen wären. Allein in der aktuellen Schieneninfrastruktur stecken rund 120 Millionen Euro zweckgebundene Fördermittel. Die Bezirksregierung droht, darüber hinaus ergänzende Straßenbaufördermittel, etwa für die Innenstadt und die Ortsumgehung Dümpten, zurückzufordern.

Szenario 2: Erhaltung 1. Auf die Kappung der Linie 102 am Waldschlösschen wird verzichtet, weil sie keine wesentlichen Einsparungen bringt, dafür aber hohe Umbaukosten an der neuen Endhaltestelle.

Szenario 3: Erhaltung 2. Die Linie 102 wird am Broicher Friedhof gekappt. Die Südstrecke der Linie 110 zwischen Stadtmitte und Oppspring, die laut Nahverkehrsplan künftig von der 104 befahren werden soll, wird stillgelegt.

Szenario 4: Erhaltung 3. Die Linie 102 wird am Broicher Friedhof gekappt, die Linien 104 und 110 werden komplett aufgegeben, die 112 endet weiterhin am Kaiserplatz, so dass keine Bahn mehr zum Hauptfriedhof rollt.

Szenario 5: Umbau 1. Die U 18 wird „weitgehend“ aus dem Tunnel an die Oberfläche geholt. Die von Duisburg kommende Linie 901 wird über den Hauptbahnhof hinaus „komplett oberirdisch“ auf einer Normalspur auf jetzigem Weg der 102 nach Oberdümpten geführt. Der 102-Südast wird verlängert bis Saarn, in die andere Richtung fährt die 102 ab Hauptbahnhof über den 104er-Linienweg zum Abzweig Aktienstraße. Die 112 verkehrt, wie Beschlusslage, zwischen Oberhausen und Hauptfriedhof.


Szenario 6: Umbau 2. Wenn Essen mitspielt, soll die komplette U 18 (auch hier oberirdisch) über den Hauptbahnhof nach Broich und Saarn rollen. Die Linie 104 soll in jetziger Form weiterfahren, ebenso die 112. In dieser Variante mit drei Durchmesserlinien, die quer durchs Stadtgebiet mit zentralem oberirdischen Umstieg am Hauptbahnhof fahren, fallen der heutige Südast der 110 (Stadtmitte bis Hauptfriedhof), die Nordstrecke der 102 (Stadtmitte bis Oberdümpten) und der 102er-Abschnitt zwischen Broich Friedhof und Uhlenhorst weg.


Im November wollen die Gutachter aus Hamburg und Dresden in öffentlicher Sitzung des Mobilitätsausschusses ihre Szenarien aus wirtschaftlicher, verkehrlicher und ökologischer Sicht mit Zahlen belegen und Handlungsempfehlungen abgeben. Im Dezember soll die Politik in die Lage versetzt sein, eine weitreichende Entscheidung zur Zukunft des Bahnverkehrs zu treffen.

MBI beklagen Gutachteritis. Andere begrüßen detailreiches Vorgehen

Eckhard E. Fetzer, Gutachter und Geschäftsführer der beteiligten Unternehmensberatung „BbA – Dr. Bruns und Fetzer“, konterte am Freitag im Mobilitätsausschuss Kritik insbesondere der MBI, die bisherigen Gutachteraussagen seien im Vergleich zu den zahlreichen Gutachten der Vergangenheit nichts Neues: „So konsequent ist es noch nie durchdacht worden.“ Ziel sei es, unter Berücksichtigung aller Facetten „eine langfristige Perspektive“ für Mülheims Nahverkehr zu entwickeln – „für einen super ÖPNV, der auch finanziert werden kann“.

Lob ernteten die Gutachter von SPD, CDU und FDP. „In so komprimierter Form haben wir das noch nie gehört“, sagte etwa CDU-Fraktionschef und MVG-Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Michels. Sein SPD-Pendant Dieter Wiechering äußerte seine Hoffnung, im Dezember sämtliche belastbare Daten zu den Szenarien beisammen zu haben, um mit einem Ratsbürgerentscheid die Zukunft des ÖPNV festzuzurren. Gerade wegen der unklaren Mehrheitsverhältnisse, so Wiechering, sei es wichtig, die Sache mit den Bürgern zu diskutieren und sie in die weitreichende Entscheidung einzubeziehen.

Zu Beginn der Debatte im Mobilitätsausschuss hatte Verkehrsdezernent Peter Vermeulen der Politik noch einmal die Dringlichkeit perspektivischen Denkens vor Augen geführt. Laut Beteiligungsholding stünden allein in den Jahren 2015 bis 2019 Investitionen bei der MVG von 144,4 Millionen Euro an, im gleichen Zeitraum rechne die Holding mit Verlusten der Verkehrsgesellschaft in Höhe von 173,8 Millionen Euro.

 
 

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