Die Jugend begehrt auf - und das ist gut so

Aus den Schülern am Jungen Theater sind inzwischen selbst Kursleiter geworden, die mit Kindern und Jugendlichen Theater spielen. Das haben sie auch schon im vergangenen Jahr bei Workshops in Tours gemacht. Inzwischen leiten Jan Gilles und Clara Kroneck den Schnupperkurs für 15- und 16-Jährige. Mit der Gruppe zusammen erarbeiten sie Georg Büchners „Leonce und Lena“. Aber auch der harte Kern der alten Jugendgruppe, die fünf Jahre voller Leidenschaft und Wissensdrang mit dem Theaterpädagogen Bernhard Deutsch zusammen Stücke entwickelt hat, arbeitet nach einer kurzen Pause wieder, nun als Theaterlabor Ex. Dazu gehören Clara Kroneck, Jan Gilles, Carlotta Salamon und Luisa Peters. Nach Texten von Daniil Charms in der vergangenen Spielzeit wagen sich die Jugendlichen erneut an Unkonventionelles und haben sich in Julio Cortazar (1914-1984) wieder einem eher weniger bekannten Autor zugewandt, der außerdem keine Theaterstücke geschrieben hat. Seine bekannteste Arbeit ist die Vorlage zum Kultfilm „Blow Up“ von Michaelangelo Antonioni von 1966. Aus Kurzgeschichten formen sie einen Abend, proben drei Mal die Woche und haben eine Premiere am 21. und 22. März im Visier.

Bewusst atmen

Von Bernhard Deutsch haben sie sich jetzt komplett emanzipiert und entwickeln das Stück komplett im Alleingang. Auch die Jüngeren (16-21 Jahre) rebellieren inzwischen gegen die Vaterfigur und proben teilweise auch ohne den inzwischen 62-Jährigen Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Deutsch lässt ihnen freie Hand und akzeptiert ihr Ergebnis, auch wenn es ihm manchmal zu kitschig erscheint. Carla Gesthuisen, die ihn als Assistentin unterstützt, hatte den Klassiker in den Sommerferien gelesen, war begeistert und schlug ihn ihren Mitspielern vor. Anders sei es zwar gewesen im Stück und in der Wirklichkeit vor über 100 Jahren, „doch so ähnlich ist es auch heute noch“, sagt die 17-jährige Schülerin. „Obwohl wir ganz andere Freiheiten haben.“ Im Stück reagieren die Erwachsenen vor dem Hintergrund des prüden Kaiserreiches verständnislos auf die Pubertätsnöte der Heranwachsenden. Auch mit der Dressuranstalt Schule rechnet Wedekind ab. Es beschreibt den Schnittpunkt zwischen dem Ende der Kindheit und dem Schein des Erwachsenseins.

Am Theater wird die Jugend mit ihrer Sicht und ihrem Drang ernst genommen: Mit Bühnenbildner Gralf Edzard Habben haben sie schon gesprochen, mit Kostümbildnerin Heinke Storck ebenso. Neulich war die Schauspielerin Dagmar Geppert bei ihnen, um mit ihnen Sprechen und Atmen zu üben. „Sie kam mit einem Sack voller Tennisbälle“, erzählt Carla Gesthuisen, der man die Begeisterung noch immer anmerkt. Auf einen Tennisball musste sich jeder Schüler setzen und konzentriert und tief in den Bauch atmen. Als der Ball verschwunden war, hatten die Jugendlichen ein anderes Körpergefühl.

Und kaum hebt Deutsch an, über Handys und die Wirkung auf die Sprache der Jugendlichen zu reden, da handelt er sich prompt Widerspruch ein. „Dass einige von uns nuscheln, hat gar nichts damit zu tun.“ Und außerdem würde er mit seinen Smileys viel schlimmere SMS schreiben, sagt die Schülerin.

Ein ganz interessantes Projekt ist Theater mit Jugendlichen aus Flüchtlingssituationen, das Adem Köstereli anbietet, der schon vor einigen Jahren eine Gruppe („Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter“) leitete. Daran nehmen zehn Teilnehmer unterschiedlicher Nationen von Kamerun über Syrien bis Marokko teil. Alle haben einen ähnlichen Erfahrungen-Horizont und doch anderes erlebt. Sie improvisieren zum Thema „Erinnerungen“. Da sie noch nicht alle gute Deutschkenntnisse haben, „erzählen sie mehr mit dem Körper als mit der Sprache“, sagt Deutsch. Sie treffen sich vier Mal die Woche, Premiere: 16. April.

 
 

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