Die Geschichte weist den Weg

Thomas Emons
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Linke und Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes möchten Fritz-Thyssen-Straße in Martha-Hadinsky-Straße umbenennen.

Mülheim. Wenn es nach dem Willen der Linken und der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) geht, soll die Dümptener Fritz-Thyssen-Straße in Martha-Hadinsky-Straße umbenannt werden. Ein entsprechender Antrag liegt für die nächste Sitzung der Bezirksvertretung 2 am 20. März vor.

Die vor 45 Jahren nach dem Großindustriellen benannte Straße ist schon länger ein Politikum. Der 1873 in Mülheim geborene und 1951 in Argentinien verstorbene Unternehmer war eine tragische Figur.

Vom Förderer zum Gegner Hitlers

Der Sohn August Thyssen wandelte sich vom Förderer zum Gegner Hitlers, der 1943 im Konzentrationslager landete und im Rückblick von sich selbst sagte: „I paid Hitler/Ich bezahlte Hitler.“ So lautete der Titel eines Buches, das Thyssen 1940 in Südfrankreich dem amerikanischen Journalisten Emery Reeves diktierte. Nach dem Kriegsende wurde Thyssen von den Alliierten inhaftiert, aber 1948 als „minderbelastet“ wieder entlassen.

„Es würde eine nach einem Unterstützer der Nazis benannte Straße aus unserer Stadt verschwinden“, begründen Helmut Hermann, Michael Doetsch und Doris Doetsch vom VVN-Vorstand in einem offenen Brief ihr Eintreten für einen neuen Straßennamen. Zur Widerstandskämpferin Martha Hadinsky schreiben sie: „Sie hat sich in der Zeit von 1933 bis 1945 mit vielen anderen für Frieden und Freiheit eingesetzt.“

"Sie war eine normale Frau"

„Sie war eine normale Frau aus dem Volk, die sich in schwerer Zeit durchgebissen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand geleistet hat. Ihr Lebensbeispiel zeigt uns, dass wir auch heute die Augen aufmachen und gegen Unrecht aufstehen müssen“, sagt Verdi-Geschäftsführerin Henrike Greven. Die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft hat ihren Sitzungsraum im Gewerkschaftshaus an der Friedrichstraße bereits vor drei Jahren nach Hadinsky benannt. Deshalb würde Greven auch eine Martha-Hadinsky-Straße begrüßen.

Wer war diese Frau, die zur Namensgeberin einer Straße werden soll? Sie wurde 1911 in Heißen geboren, besuchte die Volksschule und arbeitete danach als Verkäuferin in einem jüdischen Kaufhaus. Ab 1931 wurde sie im kommunistischen Jugendverband aktiv und blieb ihrer Partei auch nach der nationalsozialistischen Machtübernahme treu.

Da sie nach 1933 maßgeblich am Aufbau einer illegalen Partei- und Jugendorganisation mitarbeitete, wurde sie 1936 verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Weil sie während der Haft an Tuberkulose erkrankte, wurde Hadinsky 1943 aus der Haft entlassen, aber schon bald als Hilfsarbeiterin in der Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet. Aus der Haft entlassen, besuchte sie politische Gefangene, die regelmäßig bei der Bombenentschärfung eingesetzt wurden.

Als Schwerbeschädigte nur eine kleine Rente

Nach dem Krieg bekam die ehemalige Verkäuferin, die sich um ihre alte Mutter und ihren kranken Bruder kümmerte, als Schwerbeschädigte eine kleine Rente. Später beantragte sie eine Wiedergutmachung für ihre Haft in der NS-Zeit, die ihr 1957 gewährt wurde.

Doch wie vor 1945, so sollte ihr auch nach 1945 ihr politisches Engagement in der KPD zum Verhängnis werden. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Und 1956 wurde die KPD als verfassungsfeindlich verboten. Weil Hadinsky auch weiterhin für die KPD arbeitete, wurde sie 1959 zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt und mit dem Entzug ihrer NS-Opfer-Entschädigung bestraft. Die Landesrentenbehörde forderte von ihr sogar eine Rückzahlung ihrer Opferrente in Höhe von 3265 Mark.

Ein Schriftwechsel mit dem damaligen Amt für Wiedergutmachung belegt Hadinskys verzweifelten und am Ende vergeblichen Versuch, der Behörde klar zu machen, dass sie die geforderte Rückzahlung nicht leisten konnte und auf die Entschädigung finanziell angewiesen war. Die Widerstandskämpferin hatte aber keine Kraft mehr zu kämpfen. Kurz vor der geplanten Vollstreckung der Rentenpfändung nahm sie sich am 26. April 1963 das Leben.