Die Armseligen

Durch den Gaze-Vorhang ist zunächst nur eine Silhouette vor dem strahlend blauen Hintergrund zu sehen. Es donnert, orientalischer Gesang erklingt, Stimmfetzen, die unverständlich bleiben, ergänzen die Geräuschcollage und dann piept es immer wie bei einem Echolot. Es ist die Beziehungskonstellation in Tschechows früh entstandener dramatischen Skizze „Auf der großen Straße“, die Jo Fabian hier auslotet und aus dem selten gespielten Stück einen eindrucksvollen Abend macht.

Die Szenerie erinnert an ein Skulpturen-Ensemble, das um drei weiße Sockel herum gruppiert ist. Langsam kommt Leben in diese Skulptur. Die Schauspieler haben sich in schwarze Mäntel gehüllt, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie wirken wie Priester. Sie wirken gesichtslos, sind nebeneinander aufgereiht und spielen meist nebeneinander, nur selten miteinander. Sie verhüllen sich, grenzen sich voneinander ab, haben kein Interesse am anderen. Fabian betont das Gleichnishafte des Textes, um seine Zeitlosigkeit deutlich zu machen. Erst sehr viel später im Verlauf des Stücks ändert sich das. In einem antiquierten Kanonenofen bringt Fabian die Beziehungslosigkeit und gestörte Kommunikation auf den Punkt. „Der ist arschkalt“, heißt es wiederholt und doch strecken die Akteure die Hände über ihm aus, um die klammen Finger zu wärmen. „Hast du Holz mitgebracht?“, wird schließlich einer der Armseligen gefragt, der in der Gaststätte Schutz suchen möchte. Es sind allesamt die am Rand der Gesellschaft stehenden, die Tschechow hier im Gegensatz zu den Adeligen aus seinen späteren großen Stücken versammelt. Sie verbindet die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Doch Hoffnung auf Veränderung gibt es nicht. Die Lösung bleibt unausgesprochen und sie muss jeder Zuschauer für sich formulieren.

„Der Künstler soll nicht Richter seiner Personen und ihrer Gespräche sein, sondern nur ein leidenschaftsloser Zeuge“, hat der Autor vier Jahre nach der Entstehung deses Stücks geschrieben. Dieser nüchterne Blick des Wissenschaftlers, Tschechow war Arzt, ist in „Auf der breiten Straße“ deutlich zu spüren.

Auf dem mittleren Sockel steht eine Flasche Wodka, das Objekt der Begierde, die eisern von Wirt Tichon (Klaus Herzog) gehütet wird. Am Boden winselt Borzow, fleht lallend, aber vergeblich, um einen erlösenden Tropfen. Doch die Spielregeln sind klar: Ware nur gegen Bares. Rupert Seidl spielt ihn großartig. Später, als ein Gast Borzows durch enttäuschte Liebe bedingten Absturz vom Grundbesitzer zum Trinker offenbart, windet dieser sich vor Schmerzen, will die Geschichte nicht noch einmal erleiden müssen. Und als er sich durchringt, sich von dem einzigen Schatz, der ihm geblieben ist, dem Medaillon mit dem Bild seiner ihm untreu gewordenen Ehefrau, zu trennen, dreht Borzow den Spieß um. Immer wieder will Tichon gierig danach greifen, doch jetzt verweigert er ihm den Lohn und lässt diesen zappeln. Wie lange die Lethargie anhält, weiß man nicht. Zwischen den Szenen,lässt Fabian das Ensemble sich zu Ethno-Beats wie Derwische rasant um die eigene Achse drehen. Der Sufi-Tanz wirkt befreiend und die schwarzen Roben schweben durch die Luft.

Dieser Tschechow ist Jo Fabians vierte Regiearbeit am Theater an der Ruhr, doch die drei bisherigen Inszenierungen waren für ein junges Publikum bestimmt. Hier wie dort erzeugt der 55-jährige Berliner eine faszinierende atmosphärische Dichte.

 
 

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