Der Phosphor floss bis in den Keller

Willi Richard (84)
Willi Richard markierte auf dem historischen Foto das ehemalige Wohnhaus seiner Familie in der Bachstraße.
Willi Richard markierte auf dem historischen Foto das ehemalige Wohnhaus seiner Familie in der Bachstraße.

Mülheim. Den Bombenangriff auf Mülheim erlebte ich mit Eltern und Geschwistern im Haus Bachstraße 3-5. Es gab einen kurzen Voralarm, gefolgt vom Vollalarm. Wir suchten den Luftschutzkeller auf.

Das Wohnhaus besaß einen öffentlichen Luftschutzkeller, der auch für Nicht-Hausbewohner zugänglich war. Seine besondere Ausstattung bestand in Liegebetten, bedienbaren Lüftungsanlagen sowie festen und luftdicht verschließbaren Türen.

Flak-Feuer erhellte den Himmel

Starkes Flak-Feuer erhellte den Himmel, als ich zur Beobachtung ins Freie trat und am Himmel über uns „Christbäume“ sah, die Zielmarkierungen. Voll Entsetzen stürzte ich in den Keller: „Wir sind dran.“ Es begann überall zu brennen. Mein Vater und meine ältere Schwester versuchten vergeblich, Gegenstände aus unserer Wohnung in der ersten Etage zu retten. Phosphor-Brandbomben setzten das Haus in Brand. Der Phosphor floss bis in den Keller. Während wir im Keller ausharrten, gab es eine Erschütterung und ein Rauschen und Rieseln. Die Erklärung kam später: Volltreffer einer Sprengbombe im Haus.

Nach Beendigung des Angriffs versuchten wir über die Straße zu fliehen. Hitze und die flammenden Wänden trieben uns zurück. Am Morgen kamen Bergungsmannschaften. Über den Hinterhof des Hauses überquerten wir dessen Mauer über Leitern. Wir gelangten über aufgetürmten, warmen Schutt zur Leineweberstraße. Mit Glück entgingen wir einem herabstürzenden Giebel. Über die mit Einsatzfahrzeugen vollgestellte Schloßbrücke liefen wir zum Tiefbunker Schloß Broich, der heute noch vorhanden ist. Dort wurden wir mit Essen und Getränken versorgt.

Es folgte die Unterbringung im Internat

Die Schulen wurden nach dem Angriff geschlossen. Vorgesehen war die Kinderlandverschickung (KLV). Im vorangegangenen Jahr war ich bereits in der KLV und lehnte eine nochmalige Verschickung ab. Mein Vater brachte mich im Internat unter, in der Kalkuhlschen Oberschule in Oberkassel bei Bonn.

Der Leiter der Schule, ein überzeugter Nationalsozialist, ließ es zu, dass die „Schar Kalkuhl“ als Einheit der Hitlerjugend zum Schanzeinsatz an die Westfront kam; für den Bau von Schützengräben, Flakstellungen, Panzergräben). Die „Schar Kalkuhl“ verließ das Lager in einer Bombennacht ohne Erlaubnis und Papiere, nachdem der Leiter, ein Sturmführer der SA, die Umorganisation des Lagers in Volkssturmkompanien befohlen hatte.

Hinter allem stand die Drohung: Wer den Einsatz verlässt, kommt in ein Sonderlager.

Ich gelangte mit großer Angst, aufgegriffen zu werden, zu Hause an. Mitschüler, die nach der Bombennacht in die KLV gegangen waren, kamen nach einer langen Odyssee auf abenteuerlichen Wegen wieder in Mülheim an, als der Krieg endete.