City-Projekt sieht Bürger als gleichberechtigte Stadtplaner

Mirco Stodollick
„Ein Schandfleck“ sei der Kaufhof, sagt Dr. Manfred Fuhrich vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Das Problem dulde keinen Aufschub. Foto : Fabian Strauch / WAZ FotoPool
„Ein Schandfleck“ sei der Kaufhof, sagt Dr. Manfred Fuhrich vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Das Problem dulde keinen Aufschub. Foto : Fabian Strauch / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Mülheim. Die leerstehende Kauhof-Immobilie und deren Umfeld werden für die nächsten drei Jahre zum Forschungsfeld. Mit Förderung des Bundes und explizit gewünschter Beteiligung von Bürgern sollen Strategien entwickelt werden, die helfen, den Abwärtstrend rund um den Kaufhof zu stoppen, möglichst gar umzukehren.

Der Bund sucht experimentelle Ansätze zur Stärkung von Innenstädten, die durch großflächigen Leerstand in exponierter Lage gebeutelt sind. Bis Oktober 2014 angelegt ist ein Forschungsprojekt, das die Wiederbelebung dieser Problemstandorte zum Ziel hat. 135 Städte und Gemeinden hatten sich um die Teilnahme am 1,9 Mio Euro schweren Projekt beworben. Mülheim ist eine von insgesamt acht Auserwählten, die nun unter wissenschaftlicher Begleitung und Moderation Lösungsansätze suchen sollen, die später möglicherweise auch anderswo in der Republik Innenstadtprobleme lösen helfen.

Am Donnerstag und Freitag fanden Experten von Bund, Wissenschaft und acht teilnehmenden Städten zur ersten Werkstattrunde in Mülheim zusammen – passenderweise in einem Leerstand, der verwaisten ehemaligen WMF-Filiale am Hotel Noy, in unmittelbarer Nähe zum Kaufhof gelegen, einem „Schandfleck“, wie unverhohlen gesagt wird. Es war ein erster Austausch über die Problemlagen und Lösungsansätze der Städte.

Vier Städte leiden unter leerstehenden alten Warenhäusern, vier unter leerstehenden Gewerbe- oder Bürogebäuden. Mülheims Situation wurde aber doch als einmalig im Teilnehmerkreis ausgemacht: Mit Jochen Hoffmeister ist der Eigentümer der Problemimmobilie greifbar – und erklärtermaßen offen für den Prozess der Ideenfindung, der nun in Gang gesetzt werden soll.

Freilich soll in den kommenden fast drei Jahren nicht nur eine Strategie für eine Belebung auf dem Kaufhof-Areal gesucht werden, ausdrücklich soll auch das unter dem Leerstand leidende Umfeld einbezogen werden.

Die Bürger, das ist das Besondere, sollen gleichberechtigt daran mitwirken können – und das schon Ende März. Dann soll an sieben aufeinanderfolgenden Tagen von 10 bis 22 Uhr in einem noch anzumietenden Ladenlokal in der City eine Planungswerkstatt stattfinden. Eine Einladung hierfür wird die Stadt noch gesondert aussprechen.

Harald Kegler, Professor für Stadtplanung an der Bauhaus-Universität Weimar, wird die Bürgerbeteiligung im sogenannten Charrette-Verfahren organisieren. Er blickt auf zehnjährige Erfahrung auf diesem Feld zurück, begleitete unter anderem Projekte des Stadtumbaus Ost, auch in Gladbeck und Bochum. Kegler will sicherstellen, dass Teilnehmer in den Planungswerkstätten vollkommen gleichberechtigt ans Werk gehen, vor ihnen ein weißes Papier, auf dem Ideen verewigt werden. Mülheims Planungsverwaltung wird nicht mit vorgefertigtem Konzept auftreten, soll wie Immobilieneigentümer, andere handelnde Akteure der Innenstadt und Bürger eine Ideengeberin unter möglichst vielen sein. „Radikal öffentlich und offen“ möge es im März zugehen, hofft Kegler. Interesse am Mitwirken haben etwa bereits der Arbeitskreis Mülheimer Architekten, der Gestaltungsbeirat, Kulturschaffende wie die Initiatoren von „Schlimm-City“ und auch schon Bürger bekundet. Studenten aus Weimar und vom Masterstudiengang Städtebau NRW werden sich ebenfalls engagieren.

Werkstatt Ende März

Eine Markthalle im Kaufhof? Abriss und Bau eines Stadtparks? Cafés und Skaterrampen auf dem Kaufhof-Dach? Es soll keine Tabus in der Ideenfindung geben. Freilich: Eigentümer Hoffmeister wird das letzte Wort haben. Es wird sich wirtschaftlich rechnen lassen müssen. Und doch gehe es darum, so Kegler, auch „eine andere Sichtweise auf das Objekt und das Umfeld drumherum, das entwertet worden ist“, zuzulassen. „Jeder Bewohner ist Stadtexperte, er lebt ja hier.“ Am Ende soll ein Impuls für weitere Planungen gegeben sein. Wichtig sei dann, so der Professor aus Weimar, „dass sich Stadtspitze und Politik hinter das Projekt stellen und es vorantreiben“.