Barbarella kann die Welt nicht retten

Mit fliegenden Fahnen und der Revolution im Kopf: Janna Horstmann als Dildano.
Mit fliegenden Fahnen und der Revolution im Kopf: Janna Horstmann als Dildano.
Foto: Stephan Glagla
Den Kultfilm „Barbarella“ hat die Gruppe „Copy & Waste“ im anderen Kontext neu zusammengesetzt: Barbarellapark – ein Musical über Sex, Mobilität und Verwirrung am Rande des Wahnsinns feierte Premiere im rappelvollen Tender des Mülheimer Ringlokschuppens.

Mülheim.  Schon allein das perfekt ins Publikum geschleuderte Kennwort „Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch“ mit der Betonung auf „gogogoch“ verlangt dem Zuschauer Respekt ab. Ähnlich verhält es sich mit der schweißtreibenden Aerobic im Glitzerfummel aus den 80er Jahren, die von der energiegeladenen Truppe als Eröffnung des Abends vollführt wird – zumal es bei der Premiere im rappelvollen Tender des Ringlokschuppens kuschelig warm ist.

Kultfilm mit Jane Fonda

Um auf das Wortmonstrum – so heißt tatsächlich eine Gemeinde in Wales – zurückzukommen: Es ist dem Kultfilm „Barbarella“ (1968) von Roger Vadim entliehen, mit dem die Schauspielerin Jane Fonda als „Wonder Woman“ mit Lustorgel ihren Durchbruch schaffte. Aus der Story hat die Gruppe „Copy & Waste“, wie der Name schon sagt, wieder tüchtig geschnibbelt und im anderen Kontext neu zusammengesetzt: Barbarellapark – ein Musical über Sex, Mobilität und Verwirrung am Rande des Wahnsinns.

Noch eben waren die fünf Akteure politisch bewegt, mischten beim Flüchtlingskampf, beim Heiner-Müller-Gedächtnisumzug mit und sonnten sich im Glanz des Elends – und nun stehen sie auf der Musical-Bühne, wo sie Triumphe feiern. Das ist auch schon wieder zehn Jahre her und die Truppe ist in die Sinnkrise geraten. Auf der Folie einer mobilen Gesellschaft, die immer mehr überdreht, einer ausgeprägten Flexibilitäts-Gläubigkeit und einem „unbarmherzigen“ Optimismus haben Jörg Albrecht (Text und Dramaturgie), Steffen Klewar (Regie) und die Gruppe den „Barbarellapark“ ins Universum katapultiert: quer gedacht, mit aberwitzigen, messerscharfen und nachdenklichen Dialogen, mit grotesker Komik und einer schrillen, rasenden Show. Tief haben sie dabei wieder in die Kiste der Erinnerungen gegriffen und wecken Emotionen, darunter Hits wie „I believe I can fly“, „Ice, Ice, Baby“ oder „Schön war die Zeit“.

Videoeinspielungen gehen mit Schauspiel einher

Keine Glitzer-Rampe ist den Darstellern (Janna Horstmann, Cathrin Romeis, Sebastian Straub, Sebastian Thiers, Lise Wolle) zu hoch, keine Galaxie zu fern und keine Eiswüste zu weit – schnelle Videoeinspielungen gehen mit Schauspiel, Tanz und Gesang eine reizvolle Verbindung ein. Diese Truppe ist die Speerspitze einer Generation, die durch die Zeit hetzt, ihr Zuhause im Kulturbeutel hat und nach Orientierung sucht. Immer unterwegs, hat sie sich im komplexen Universum verflogen. Zwischen Sex, Armut, Klimawandel, Flüchtlingswelle und der Macht des Geldes ist auf dieser Welt kein Land in Sicht, weil die wirkliche „Dramatik der Epoche geleugnet wird – im Logo von Hermes“. Was bleibt, ist Warten – auf Grundeinkommen, Gleichstellung und . . . auf die gute Zeit.

Kaum ein anderer Freizeitpark könnte inspirierender, spritziger und kurzweiliger sein als dieser. Nur hätte der kosmopolitische Ausflug mit etwas weniger Irrungen und Wirrungen, Text-Ballast und Kunstnebel noch mehr gewonnen.

 
 

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