Awo in Mülheim beklagt chronische Unterfinanzierung

Mirco Stodollick
Drogenberatungsstelle an der Gerichtsstraße: Heidi Neumann rechts im Gepräch. Foto: Roy Glisson
Drogenberatungsstelle an der Gerichtsstraße: Heidi Neumann rechts im Gepräch. Foto: Roy Glisson
Foto: Waz FotoPool
Nach den Liquiditätsproblemen im Januar will die Awo in Mülheim nun alle internen Sparpotenziale ausgeschöpft haben. Geschäftsführer Lothar Fink fordert die Stadt auf, bei der Vergabe von Zuschüssen die allgemeine Kostensteigerung zu berücksichtigen.

Mülheim. Awo-Geschäftsführer Lothar Fink beklagt die zunehmende Finanzierungsnot von Wohlfahrtsverbänden. Wenn die Verbände weiter Grundpfeiler einer sozialen Stadt sein sollten, müsse die öffentliche Hand bei ihrer Vergabe von Zuschüssen endlich auch die allgemeine Kostensteigerung berücksichtigen.

Wie berichtet, gab es im Januar Liquiditätsprobleme bei der Awo in Mülheim, Löhne für die rund 160 Mitarbeiter konnten erst mit einigen Tagen Verspätung gezahlt werden. Ein Minus im Jahresergebnis von 2010 hatte den Kreisverband ausgerechnet im 90. Jahr seines Bestehens in Schwierigkeiten gebracht.

"Seit 13 Jahren nicht erhöht"

Fink macht eine prekäre Situation bei der Refinanzierung der Leistungen aus, die die Awo fürs Gemeinwesen erbringt. Beispiel Insolvenzberatung: Der Landeszuschuss, der für eine Personalstelle bei der Awo gewährt wird, so Fink, sei unverändert, seitdem es ihn gebe. Er liegt bei exakt 46.020 Euro – je nach Alter und Familienstand verdient ein Tarifbeschäftigter durchschnittlichen Alters aber bis zu 50.000 Euro, hinzu kommen Verwaltungs- und allein inflationäre Sachkosten.

Fink erweitert die Liste mit weiteren Exempeln unzureichender Mittel: die Landeszuschüsse für Drogen- und psychosoziale Beratung – „seit mindestens 13 Jahren nicht erhöht“. Allein die Drogenberatungsstelle schiebe ein strukturelles Defizit von 22.000 Euro im Jahr vor sich her. Landeszuschüsse für die Familienbildung – in zwei Schritten gar um 10 % reduziert.

Kosten gestiegen

Die Leistungsentgelte des Landschaftsverbands (LVR) aus der Eingliederungshilfe in Heimen sind in den letzten 13 Jahren im Schnitt um 1,3 % erhöht worden, gleichzeitig seien bei der Awo die Kosten im Jahr durchschnittlich um 3 % gestiegen. Nicht anders bei den Geldern, die die Stadt überweist. „Viele Jahre“, so Fink, „gab es wie 2010 und 2011 eine Nullrunde.“ Immerhin habe die Stadt die Awo letzten Endes bei der Etatrunde doch verschont. Alles in allem habe es wegen der unvermeidbaren Kostensteigerungen im Vorjahr eine Ergebnisverschlechterung von 360.000 Euro gegeben.

Es klafft diese Lücke zwischen der Entwicklung von Einnahmen und Ausgaben in Bereichen, wo die Awo präventiv zum Wohle des Gemeinwesens wirken will – und soll. „Wenn da nicht bald was passiert“, mahnt der Awo-Geschäftsführer mit Blick auf alle Wohlfahrtsorganisationen, „werden wir Leistungen kürzen müssen.“ Insgesamt müsse man sich bei den derzeitigen Rahmenbedingungen der Refinanzierung „um die Wohlfahrtpflege Sorge machen. Man kann sie nicht von der Entwicklung der Sach- und Personalkosten abkoppeln und denken, das geht gut.“ Die Awo selbst habe intern alle Sparpotenziale ausgeschöpft, die Lohnentwicklung bleibe seit Jahren hinter dem, was wünschenswert sei.

Anlaufschwierigkeiten

Im Vorjahr haben es die Bereiche der Awo, die den Ausgleich zu den defizitären Spielfeldern bringen sollen, nicht geschafft, die Lücke zu schließen. Ungeplant machten das Seppl-Kuschka-Haus, die Seniorenbegegnungsstätte an der Bahnstraße und das betreute Wohnen der Drogenhilfe Miese. Und die neue ergotherapeutische Praxis (Hauskampstraße), die eigentlich was abwerfen soll, hatte Anlaufschwierigkeiten. Über ein Vermögen als Ausgleichsreserve im Notfall verfügt der Kreisverband nicht.

Die Awo will, so hat auch ein Gutachter empfohlen, bei der Stadt höhere Zuschüsse für Drogenhilfe und Seniorenbegegnung einfordern, mit dem LVR soll 2012 erstmals selbstständig über die (höhere) Leistungsentgelte verhandelt werden.