Ausstellung in Mülheim: Aufbruch in eine lichte Zukunft

Das Bild „Scherzo Grazioso“ (1948) stammt von Thomas Grochowiak,  der u.a. mit Heinrich Siepmann die Gruppe „Junger Westen“ gründete.
Das Bild „Scherzo Grazioso“ (1948) stammt von Thomas Grochowiak, der u.a. mit Heinrich Siepmann die Gruppe „Junger Westen“ gründete.
Foto: Herbert Höltgen
„Befreite Moderne“ widmet sich der Nachkriegskunst - mit mehr als 100 Werken von 45 Künstlern. Eröffnung ist am Samstag im Kunstmuseum.

Mülheim.. Noch sehr figürlich malte Heinrich Siepmann 1945 die Szenerie mit zwei Puppen und einem Harlekin, dessen gestreiftes Hemd an die Kleidung in Konzentrationslagern erinnert. Im Vergleich zu seinen späteren, sehr reduzierten und abstrakten Werken hat der bekannte Mülheimer Künstler, der 2002 verstorben ist, eine unglaubliche Wandlung durchgemacht.

45 Künstler erzählen Geschichte

Vom Aufbruch, dem Wiederaufleben der Moderne und dem Weg zu einer neuen Formensprache in den vier Nachkriegsjahren bis zur Gründung von BRD und DDR erzählen 45 Künstler in über 100 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Fotografien. „Befreite Moderne. Kunst in Deutschland 1945 - 1949“ ist der Titel der großen Überblicksausstellung im Kunstmuseum. In vier Räumen im Erdgeschoss und unter dem Dach wird die Wandlung jener Jahre eindrücklich gespiegelt.

„Das Besondere an dieser Zeit ist die Vielfalt und das Nebeneinander unterschiedlicher Strömungen“, erläutert Museumsleiterin Dr. Beate Reese. Das wird sowohl an gegenständlichen, wie auch surrealen, abstrakten und experimentellen Tendenzen deutlich. „Es geht immer wieder um die Verwandlung und die Metamorphose, um zu etwas Neuem zu gelangen – in künstlerischer wie auch thematischer Hinsicht“, so Reese. Eine entfesselte Schaffensfreude ist bei allen Werken der Künstler spürbar. Bilder mit offenen Fenstern und Räumen, mit mehr Farbe und Licht zeugen von den Visionen einer lebenswerten Zukunft. Die Künstler wollten ihre Vergangenheit bezwingen, was sichtbar wird in der Bewältigung von Themen wie Tod, Trümmer und Tabus. Erich Mueller-Kraus zeigt die „Gespenster des Dritten Reiches“, Karl Hofer lotet in seinem Bild mit den Kartenspielern die Sieger- und Verliererrolle aus. Für Willi Baumeister geht die wiedergewonnene freie Malerei mit bunten Figuren einher.

Dem lange propagierten deutschen blonden Mädel stellt Rolf Müller-Landau mit dem maskulin wirkenden „kleinen Katzenhai“ ein neues Frauenbild entgegen: Die selbstbewusste Dame mit Kappe ziert die Ausstellungsfahne vor dem Kunstmuseum, den Flyer und einen wunderbaren Ausstellungskatalog (Sonderpreis 16,80 Euro), der dazu erschienen ist. „Der Katalog wurde komplett gefördert“, sagt Reese. „Es ist der einzige, den wir wegen der Haushaltskonsolidierung herausbringen konnten.“

Der Besucher sollte etwas Zeit mitbringen für diese bemerkenswerte Ausstellung. Allein durch ihre Symbolkraft erzählen die Bilder mehr als nur eine Geschichte und mitunter etwas ganz anderes, als es auf den ersten Blick scheint.

Netzwerk der Museen machtgroßen Überblick möglich

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht die deutsche Nachkriegskunst 1945 bis 1949 im Mittelpunkt der Ausstellung „Befreite Moderne“. Sie knüpft thematisch an die Präsentationen „Werner Graeff – Bauhaus und die Nachkriegszeit“ in 2011 sowie die große Schau „Jagd auf die Moderne – verbotene Künste im Dritten Reich“ 2012 an.

Neben Arbeiten aus der städtischen Sammlung sowie der Sammlung Ziegler wurde die aktuelle Schau mit über 100 Werken von 45 Künstlern möglich durch Leihgaben der Ruhr-Kunst-Museen, zahlreiche Bildern aus der Sammlung des Märkischen Museums Witten, weiteren Leihgaben vom Kunstmuseum Bochum, Lehmbruck Museum Duisburg, Bauhaus-Archiv Berlin, Kunstmuseum Solingen, Stadtmuseum Hofheim/Taunus, Kunst aus NRW in Aachen-Kornelimünster sowie privaten Beständen. In verkleinerter Form wandert die Ausstellung nach Hofheim/Taunus weiter.

 
 

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