Ausstellung - Das große Leid an der „Front in der Heimat“

Stadtarchiv Kai Rawe vor einem Foto der Ausstellung, das die Waffenproduktion zeigt.
Stadtarchiv Kai Rawe vor einem Foto der Ausstellung, das die Waffenproduktion zeigt.
Foto: WAZ FotoPool
Während des Ersten Weltkrieges, der vor 100 Jahren im August 1914 begann, mussten auch die Mülheimer die Kriegswirtschaft und -finanzierung bewältigen. Leid und ein unvorstellbarer Mangel fegten über die Schützengräben hinweg geradewegs an die Heimatfront, wo es die Familien bis an den Rand ihrer Leistungs- und Überlebensfähigkeit traf.

Mülheim. Steckrüben in allen nur erdenklichen Variationen, Eierkarten, Haferflockenkarten, Kartoffelkarten – ja sogar Seifenstücke war rationiert. Was soweit ging, dass die Arbeiter ihre Hände nicht mehr richtig sauber oder Hautausschlägen bekamen, weil es keine Seife mehr gab und minderwertige Ersatzstoffe verwendet werden mussten. „Die Versorgung war so schlecht, dass man selbst mit Marken nicht mehr das Lebensnotwendigste bekam“, sagt Dr. Kai Rawe, Leiter des Stadtarchivs.

Während des Ersten Weltkrieges, der vor 100 Jahren im August 1914 begann, mussten auch die Mülheimer die Kriegswirtschaft und -finanzierung bewältigen. Leid und ein unvorstellbarer Mangel fegten über die Schützengräben hinweg geradewegs an die Heimatfront, wo es die Familien bis an den Rand ihrer Leistungs- und Überlebensfähigkeit traf. Vor allem auf den Schultern der Frauen lag die meiste Last, das Unmögliche möglich zu machen. Von der „Front in der Heimat“ erzählt die Ausstellung „Mülheim im Ersten Weltkrieg“ im Haus der Stadtgeschichte. Es ist die erste vom Stadtarchiv konzipierte und realisierte Schau mit zahlreichen Dokumenten, Fotos und Quellen, die größtenteils aus eigenen Beständen stammen. „Die Ausstellung zeigt die Lebenswelt in Mülheim von 1914 bis 1918 und wir haben versucht, sie in ihren vielen Facetten wie der Lebensmittelversorgung, Schule im Krieg, Propaganda und Rüstungsindustrie mit hoffentlich interessanten Dokumenten anzureichern“, so Rawe.

Hunderte Zwangsarbeiter

Wie überall in Deutschland hatte sich durch Propaganda der patriotische Eifer auch in Mülheim in allen Lebensbereichen breitgemacht. In der Friedrich Wilhelms-Hütte und den August Thyssen-Werken wurden Rüstungsgüter ­gefertigt. Zwangsarbeiter, zumeist russische Gefangene, rückten an die Stelle der eingezogenen Männer. Es waren nicht wenige Zwangsarbeiter, „es waren Hunderte“, weiß Rawe. Und nicht nur die großen Industriewerke waren Heereslieferanten, „auch kleine Bäcker, Lederfabriken und Handwerker waren beteiligt“.

Überall fehlten Arbeitskräfte, Frauen standen dann an Dreh- und Werkbänken, fungierten als Straßenbahnschaffnerinnen. „Ohne den Einsatz der Frauen in Männerberufen wäre das nicht gegangen.“

In der Schule seien die Kinder ganz schnell in allen Fächern auf Kriegsthemen getrimmt worden. Sie sammelten Bucheckern und Obstkerne zur Ölgewinnung, verteilten Handzettel als Werbung für Kriegsanleihen. Kinder leisteten ihren Beitrag, waren bereit, Opfer zu bringen und für das „Vaterland“ da zu sein. Während mindestens 3500 Mülheimer als Soldaten im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen, so gibt es keine Zahlen über die zivilen Opfer. Es waren wohl viele.

 
 

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