„Auf der großen Straße“ im Theater an der Ruhr mit blendenden Bildern

Ist Jo Fabians Interpretation von "Auf der großen Straße" am Theater an der Ruhr islamkritisch zu verstehen?
Ist Jo Fabians Interpretation von "Auf der großen Straße" am Theater an der Ruhr islamkritisch zu verstehen?
Foto: Joachim Schmitz
Jo Fabian interpretiert Anton Tschechows „Auf der großen Straße“ im Mülheimer Theater an der Ruhr: Die eineinhalbstündige Show wird zu einem Gottesdienst der Theatertrance.

Mülheim.. Der Theateranbruch ist so strahlend hell, dass er die Zuschauer blendet. Schon in diesem ersten Bild offenbart Jo Fabian seine Interpretation von Anton Tschechows „Auf der großen Straße“: Vor dem Neuanfang schreckt man hier zurück. Als Silhouetten heben sich die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler vor dem grellen Morgenblau ab. Vage orientalische Klänge und die tschadorartigen Gewänder machen deutlich, dass auch der Blick der Inszenierung gen Osten gerichtet ist.

Am Theater an der Ruhr trifft Tschechows frühes Werk auf Fabians Bilderwelt: ein anderthalbstündiger Gottesdienst der Theatertrance. Das Prekariat hockt in einer Schänke und friert, der gusseiserne Ofen ist aus, der Wirt (Klaus Herzog) knapst mit dem Schnaps. Die Frauen (Petra von der Beek, Simone Thoma) flüstern „Moskau“ wie ein Heilsversprechen. Der Musiker (Steffen Reuber) würde ja Musik machen, wenn nur seine Konzertina nicht nass wäre. Der Säufer (Rupert J. Seidl) gibt eine goldene Uhr für einen Drink, ein Fremder offenbart dessen Drama: Den reichen Gutsbesitzer stürzte eine unglückliche Liebe ins Verderben. Einer hat eine Axt. Beinahe gäbe es einen Mord an einer schönen Frau (Dagmar Geppert) – etwa die Frau des Säufers?

Die statisch anmutende Wartehallen-Atmosphäre, die Tschechow später etwa im „Kirschgarten“ meisterlich reifen lässt – in diesem Stück keimt sie bereits. Schwung bringen Sufi-Tänze zu Trommelklängen, aber auch hier gilt: Ein jeder tanzt für sich allein. Der Reisende (Albert Bork), der wie die Amerikaner jeden Satz im hohen Ton einer Frage ausklingen lässt, stört sich am religiösen Frömmeln und rabiaten Fremdeln der Schar: „Ihr seid ein Volk in Finsternis?“

Unfähigkeit zum Verständnis

Ist das islamkritisch? Oder eine weitreichendere Diagnose, die Unfähigkeit des Menschen zum gegenseitigen Verständnis betreffend? Letztlich lässt Fabian den Zuschauer mit diesem Assoziationsreigen allein, schickt Fingerzeige in viele Richtungen. Was bleibt, sind einige im wahrsten Sinne blendende Bilder.

Termine: 2., 24. April, 19.30 Uhr. Infos: www.theater-an-der-ruhr.de

 
 

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