Art Square: Ideen abseits der Einkaufsmeile

Dennis Vollmer
Lesung mit Thomas Gsella: Der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ gab am  Samstagabend ganz normalen Alltagswahnsinn zum Besten.
Lesung mit Thomas Gsella: Der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ gab am Samstagabend ganz normalen Alltagswahnsinn zum Besten.
Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services
In Ladenlokalen an der unteren Schloßstraße gibt es eine Woche lang Kunstprojekte, Lesungen und Konzerte.

Mülheim. Was alles möglich ist, wenn man mal ausgetretene Gedankenpfade für die Innenstadt verlässt: Augenzwinkernd und inspirierend hat der Art Square an der unteren Schloßstraße Ladenlokale umfunktioniert, die für eine Woche Alternativen zum Einkaufsmeilen-Einerlei anbieten. Gut 200 Menschen hatten sich zum Auftakt am Donnerstag auf das Gedankenexperiment eingelassen, berichtet Gert Rudolph, der im Auftrag des Kulturbetriebs die künstlerischen Ideen zusammenstellte.

Und auch am nasskalten Samstagabend bleiben hauptsächlich junge Leute vor den Schaufenstern eines ehemaligen Deko-Ladens stehen. Wer von den Infrarot-Kameras erfasst wird, erscheint als Silhouette im Fenster. „Geschlecht, Sternzeichen, Hobby, Kreditkartennummer...“ Daten flimmern in den projizierten Figuren oder steigen als „Cloud“ auf, die man durch eigene Bewegungen beeinflussen kann. „Ich weiß nicht, was das soll, ist aber echt crazy“, kommentiert ein Mittzwanziger.

Tafelrunde birgt Schockmomente

Was das soll, weiß Yochanan Rauert: „Das sind natürlich keine echten Daten, sondern Informationen, die jeder freiwillig auf Facebook und anderswo angibt“, erklärt der Netzaktivist und Teil der kreativen Gruppe „Morons of Motion“. Dahinter steckt eine Brisanz: „Wir hinterlassen im Internet Spuren, die man nachverfolgen kann. So können Unternehmen Profile von Menschen erstellen“, erläutert Rauert. Das Projekt „Traceland“ – übersetzt: Spurenland – weckt Assoziationen, „sie machen bewusst, was wir beim Surfen im Internet nicht sehen“.

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Ums Sehen und mehr noch Hören, geht’s in einem anderen Laden am „Gedankentisch“. Der Eintritt zu der opulent gestalteten Tafelrunde birgt Schockmomente: Auf dem Tisch liegt ein totes Wildschwein, auf den Tellern der Gäste ist allerhand Irritierendes zu erforschen. Dort liegen eine Figur, in der ein Hackmesser steckt, ein Maßband, ein Haufen Uhrwerke. Über Kopfhörer erfährt man innere Monologe der Tafelgäste. „Ich habe Freunde gebeten, ihre Ideen einzusprechen“, sagt Künstlerin Willemijn Schellekens. Ein Trip in menschlich-verrückte Gedankenwelten.

Alltagswahnsinn gibt am Samstagabend auch Thomas Gsella zum Besten. Der Ex-Titanic-Chefredakteur frotzelt über kuriose Verwendungen von Anführungsstrichen, vermeintlich wissenschaftliche Erkenntnisse. Unverblümt zieht der gebürtige Essener über Dortmund und Bochum her, das Revier kommt insgesamt nicht gut weg. Mülheim bleibt zumindest an diesem Abend verschont.