Anhalten und die Stadt betrachten

Frank-Rainer Hesselmannund Oliver Müller (Fotos)
Neue Einblicke liefert der Weg auf der Hochpromenade.
Neue Einblicke liefert der Weg auf der Hochpromenade.
Foto: FUNKE Foto Services
Zwischen Hauptbahnhof und Ruhr entsteht bald der erste Teil der Hochpromenade für Fußgänger und Radler. Ein Stadtbalkon und Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. Die Eröffnung ist für Frühling 2017 geplant.

Mülheim. Ein Radweg quer durch das Ruhrgebiet ohne störende Straßenkreuzungen. Das war vor mehr als fünf Jahren die Idee. Parallel zum Ruhrschnellweg (heute A 40) ist jetzt der Radschnellweg mit mehreren Hochschul- und zahlreichen Wohquartier-Anschlüssen im Bau – auf einer ehemaligen Eisenbahnstrecke. Eine der spannendsten Etappen mit neuen Einblicken in die Innenstadt entsteht bald in Mülheim.

„Stadtbalkon“ und „Hochpromenade“ nennen die Planer den Teil des kombinierten Fuß- und Radweges, der auf 32 Bögen von der Rampe am Hauptbahnhof bis zur stählernen Bogenbrücke am Ruhrufer führt. Dort wird es einen gläsernen Aufzug an der Nordseite des Radweges geben – in Sichtweite des Krankenkassengebäudes. Der Treppenturm gegenüber des Ruhrquartiers bleibt erhalten. Ob er ein gläsernes Helmdach bekommt, ist noch nicht entschieden.

Seit Monaten läuft die Detailplanung für die Hochpromenade im Technischen Rathaus, unterstützt von Architekten und Stadtgestaltern. Viele Skizzen und Pläne sind in dieser Zeit entstanden. Viele Zeichnungen sind bereits im Papierkorb gelandet. Einige gute Ideen mussten die Planer wieder aus ihren Konzepten streichen, weil sie den Ansprüchen der Verkehrsicherheit nicht genügten. „Andere konnten wir prima übernehmen und werden sie auf der ehemaligen Bahntrasse auch umsetzen“, beschreiben Horst Chluba und Helmut Voß vom Amt für Verkehrswesen und Tiefbau.

Promenadencharakter auf dem Viadukt

Planer, die meisten Politiker und die Stadtspitze sind sich einig. „Der Promenadenradweg gehört zu den Projekten, mit denen die Innenstadt weiter belebt werden kann“, sagte Oberbürgermeister Ulrich Scholten. Für das Vorantreiben des Radschnellweges tritt er kräftig in die Pedale. Gestern tagte der Gestaltungsbeirat hinter verschlossenen Türen. Am Freitag sehen die Mitglieder des Planungsausschusses die neuesten Entwürfe.

„Wir wollen am Freitag die ersten Vergaben für die Sanierung der Bahnbögen sowie für den Bau des Geländers einbringen und setzen auf Beschlüsse des Planungsausschusses“, sagte Horst Chluba, kommissarischer Leiter des Amtes für Verkehrswesen und Tiefbau. „Dann könnten wir die Aufträge ausschreiben und schon Ende Mai mit der Bogensanierung starten.“ Dann komme Bewegung auf die Hochstrecke. Obwohl sie Teil des Radschnellweges ist, wird dieser Abschnitt als Langsamfahrstrecke angelegt. Das war die Voraussetzung, für das Projekt Zuschüsse aus dem Topf der Städtebauförderung zu bekommen. „Durchbrettern ist auf der Promenade nicht erwünscht“, erläuterte Roland Jansen bereits letztes Jahr in der Bezirksvertretung 1.

„Der Radschnellweg hört an der Rampe am Hauptbahnhof auf. Die exzellente Lage auf dem Viadukt hat im Bereich der Innenstadt Promenadencharakter“, betonte der Abteilungsleiter für Straßen und Verkehrsplanung. „Man soll dort auch verweilen und den Ausblick in die Stadt genießen können“, fügte Felix Blasch, stellvertretender Leiter im Planungsamt, hinzu.

Grüne Oasen hinter Zäunen

Das Verweilen und Schauen in die Stadt wird vielen Spaziergängern neue Einblicke bringen: Die Auer- und Löhstraße von oben. Dort verbergen sich grüne Oasen hinter Zäunen. Andere winken den Bewohnern der Häuser an der Heinrich-Melzer-Straße zu. Mit den Jugendstilfassaden an der Friedrich-Ebert-Straße auf Augenhöhe. Diese Häuser sollten einst für eine Brückenkurve zur Konrad-Adenauer-Brücke fallen. Erfolgreiche Bürgerklagen und Gerichtsurteile haben dies verhindert.

Auf der gegenüberliegenden Seite erhält die frühere Bahnstrecke eine Verbreiterung – den neuen Stadtbalkon. „1,50 Meter wird diese Plattform in die Bahnstraße ragen“, beschreiben Sabine Noack und Daniel Bach aus der Stadtentwicklung. Von dort oben haben Besucher das Rathaus, den Rathausmarkt und auch den Parkplatz davor gut im Blick. Ein Teil der Fläche wartet noch auf ihre Umgestaltung. Laufen die Arbeiten auf der Hochpromenade nach Plan, steigt im Frühling 2017 die Eröffnungsfeier.

Schnell über die Ruhr springen

Nach dem Eröffnungsfest des Promenadenradweges neben der Stadtmitte sollen die Arbeiten in Richtung Hochschule Ruhr-West im Frühjahr 2017 gleich weitergehen. „Wir müssen schnell den Sprung über die Ruhr schaffen, den Radschnellweg zur neuen Fachhochschule und bis nach Duisburg weiterführen“, hat Ulrich Scholten eines seiner Ziele vorgegeben. Der Oberbürgermeister hat Planern und Haushaltsexperten bereits die Aufträge erteilt. Der positive Bescheid des Regionalverbandes Ruhr (RVR) ist dafür längst im Rathaus eingetroffen. „Spätestens Anfang 2018 – lieber früher – müssen wir mit dem Rad- und Fußweg an der Stadtgrenze ankommen.“

Diesen ehrgeizigen und knappen Zeitplan hat Scholten mit Sören Link, seinem Amtskollegen in Duisburg, abgesprochen. Beide Kommunen seien daran interessiert, möglichst bald die durchgehende Verbindung von der Essener Nordstadt bis zum Rhein zu verwirklichen. „Diese erhöht spürbar die Lebensqualität in unserer Stadt und in der Region“, sagt Scholten. Er sehe fast täglich, wie viele Radler und Fußgänger, die nahe des bereits fertigen Abschnittes zwischen Heißen und Hauptbahnhof wohnten, die Trasse nutzten. „Dort sind kurze Stadtteilverbindungen entstanden. Weitere werden hinzukommen.“ Für Broich und Speldorf sieht er die gleichen Chancen. Demnächst wird die Hochpromenade auf den Bahnbögen parallel zur Bahnstraße entstehen. Die Finanzierung dafür steht.

Bauelemente sollen langlebig sein

Rund 500 Meter lang ist der Bauabschnitt 3 a, auf dem Mülheims Hochpromenade entstehen soll. Auf drei Brücken und 32 Bahnbögen liegen 358 Meter dieses Weges mit neuen Stadtansichten. Auf einer Breite von acht Metern erhalten Fußgänger, Radfahrer, Naturbeete und Sitzgelegenheiten ihre Flächen.

Weil Radler auf der Promenade langsam fahren müssen, gibt es in regelmäßigen Abständen Markierungen auf der Fahrbahn, die zum Abbremsen anhalten sollen. Beteiligte Architekten und Planer setzen „in dem sensiblen Bereich auf gegenseitiges Rücksichtnehmen“.

Ein Sonnensegel über den Sitzbänken am Stadtbalkon war letztes Jahr bei den Politikern durchgefallen. Nun soll es ein filigranes, aber beständiges Dach (Edelstahl) am Stadtbalkon geben. Die auf der Hochpromenade eingesetzten Bauelemente müssen langlebig sein, lautete der Auftrag der Politiker. Sie fürchten Vandalismus-Schäden.

Stadt möchte Instandhaltungskosten an RVR oder das Land abgeben 

Ein Radweg auf der Strecke der ehemaligen Rheinischen Eisenbahn – das soll sichtbar bleiben. Fast alle Brücken bleiben erhalten, weil sie eine kreuzungsfreie Verbindung garantieren. Dickster Sanierungsbrocken wird über der Ruhr die genietete Stahlbogenbrücke von 1866 sein. Daran schließt die zweite Hochpromenade auf Viadukten über dem Müga-Park samt Brücke über der Bergstraße an. Es folgen Volkshochschule, Ringlokschuppen, Camera Obscura, Alte Dreherei, Feuerwache und Fachhochschule.

Den nächsten Bauabschnitt bildet der enge Überweg über der Duisburger Straße. An Heer- und Friedhofstraße sind über die Bahnübergänge Zufahrten in die Quartiere möglich. Hinter der Brücke Saarner Straße soll es Zufahrten in den Uhlenhorst und nach Speldorf geben, zeigen Pläne des Regionalverbandes Ruhr.

Charakter der alten Bahntrasse bleibt sichtbar

Fließen die Zuschüsse zeitnah, könnten Mülheim und Duisburg im Zusammenwirken mit RVR und Land ihre Radwegstücke gleichzeitig bauen. Das brächte an der Stadtgrenze einen schnellen Lückenschluss. Ursprünglich wollte der RVR bereits jetzt mit dem Radweg von Essen über Mülheim am Rheinufer angekommen sein und so drei Unis verknüpfen. Das nötige Baugeld reichte dafür allerdings nicht.

„Einzelheiten werden wir ändern, ergeben sich auf der Promenade dadurch Verbesserungen“, sagt Daniel Bach. Bänder auf dem Radweg, wie die Skizze unten zeigt, machten den Charakter der alten Bahntrasse weiterhin sichtbar. In den Kästen neben den Bänken wachsen Gräser. Sie gehören zu einer Bahntrasse und verringern die Pflegekosten. Ob das alte Vorsignal an der Zunftmeisterstraße erhalten bleibt, ist noch offen.

Das neue Geländer beiderseits der Promenade wird 1,30 Meter hoch. An der Löhstraße soll eine weitere Rampe entstehen. Einige Ortspolitiker befürchten Konflikte neben den Sitzbänken zwischen rasenden Radlern und Fußgängern, „weil es doch ein Radschnellweg ist“. Aufeinander Rücksicht zu nehmen, wird zu den Lernprozessen auf der neuen Promenade gehören, ergänzen die Planer. Langfristig möchte die Stadt die Radweg-Instandhaltung an den RVR oder an das Land abgegeben: „Die haben das Projekt bestellt. Wir übernehmen nur Planung und Bauausführung“, heißt es im Rathaus. Prima, wenn es gelänge. [kein Linktext vorhanden]