Angst beginnt im eigenen Leben

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Mülheim.. Das erste Theaterblut wird schon im Foyer vergossen. Ein kurzer Streit endet in einer Messerattacke und schon fließt die grellrote Brühe. Dann erst darf man den Saal des Ringlokschuppens betreten und auf Stühlen mit Spinnenweben aus der Sprühdose Platz nehmen.

Verantwortlich für diese Gruselschloss-Atmosphäre sind die „Jungen Performer Mülheim“. Zwischen 16 und 22 Jahre alt sind die Akteure und sie haben sich das Thema „Horror“ gesetzt. „Schreckliche Schicksale: Untote Kuhhaut“ liest man den an die Wand projizierten Titel und denkt bei Schrift automatisch an unfreiwillig komische Gruselfilme aus den fünfziger Jahren.

Die Akteure hatten Spaß am Spiel mit dem Klischee

Wie ein Kindergeburtstag mit milden Gruseleffekten beginnt das Stück. Man merkt den Akteuren den Spaß am hemmungslosen Spiel mit dem Klischee an. Entwickelt haben sie das Thema, die Struktur und die Texte selbst, betont Theaterpädagoge Sebastian Brohn, der das Projekt geleitet hat. Die Auseinandersetzung mit den allseits bekannten Horrorfiguren habe dazu geführt, auch die Frage nach dem Schrecken im eigenen Leben zu stellen.

Und so mischen sich tatsächlich andere Töne in den Szenen-Wechsel. Da ist zunächst der Text einer Mutter über den Mord an ihrem Kind. Im Dunkeln mit wechselnden Sprechern präzise und gut erzählt. Später, in einer temporeichen Passage über ein Football-Spiel, bei dem ein Ungeheuer wütet und schließlich die ganze Stadt zerstört, stellt sich durch eine scheinbar detailgenaue, reportagenhafte Beschreibung des Schreckens eine gewisse Irritation ein.

Beinahe wie echte Schauspieler

Wo allerdings die wirkliche Angst beginnt, macht die Gruppe dann auch klar: im eigenen Leben. Von den Schwierigkeiten, nach einer Flucht Anschluss an das normale Leben zu finden, ist die Rede. Eine Erfahrung, die drei afghanische Brüder, die eine Zeit lang bei dem Projekt mitgemacht haben, der Gruppe vermittelt haben.

Ganz persönlich wurden einige Szenen, in denen von den eigenen Ängsten die Rede war. Eine junge Frau hastet im Wechselspiel mit einem Video scheinbar durch Mülheim, spricht vom Druck eine Ausbildung beginnen zu müssen und der eigenen Angst davor. Ein junger Mann tritt per Video direkt in Kontakt mit seinem anderen Ich, debattiert mit ihm über das Thema Anpassung.

Theaterpädagoge Sebastian Brohn geht es um die Spielfreude

Das ist oft auf eine unperfekte Weise erstaunlich gelungen. Eine Inszenierung, in der die jungen Darsteller beinahe wie echte Schauspieler agieren, sei auch nicht Ziel der der Arbeit, erläutert Sebastian Brohn. Ihm geht es mehr um die Spielfreude. Und die ist, verbunden mit einer großen Leidenschaft, den ganzen Abend unübersehbar.

 

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