Anderssein führt nicht ins Abseits

Ein bisschen motivieren müssen Trainer ja grundsätzlich. „Hopp, hopp“, ruft Tobias Vennemann und klatscht dabei in die Hände. Nach und nach trotten die Jungs und Mädchen an den Spielfeldrand des Fußballplatzes. „Jetzt laufen wir uns erstmal warm“, ordert der Trainer und die Mannschaft joggt los. Das Training des I-Teams unterscheidet sich kaum von dem einer Regelmannschaft: Auf dem Platz wird geschwitzt, geflucht und gejubelt. Dennoch ist diese Sportgruppe etwas anders: Das I-Team ist Mülheims einzige integrative Fußballmannschaft, angesiedelt bei Union 09. Jeden Mittwoch treffen sich die 13 Spieler mit und ohne Handicap zum Training an der Südstraße.

Nach dem Aufwärmen ist die Stimmung gut und die Spieler bilden zwei Mannschaften. „Wir schauen, dass die Teams stärkemäßig immer gut verteilt sind“, erklärt Tobias Vennemann. Klar gibt es stärkere und schwächere Spieler – „jeder sollte aber mal zum Zug kommen“. Schließlich spielen im I-Team Menschen mit verschiedenen Handicaps: „Down-Syndrom, Autismus, Spastiken, Gleichgewichtsstörungen oder Übergewicht“, zählt der Trainer auf. „Eben alles Leute, die in einer Regelmannschaft keine Chance haben.“ Beim Training gelte es, die individuellen Stärken und Schwächen eines jeden zu händeln. „Die Frustrationsschwelle ist bei vielen einfach niedriger“, sagt Tobias Vennemann. Das unterscheide sein Team von Regelmannschaften: „Die meisten sind sehr impulsiv. Wenn sie sich ärgern, machen sie ihren Gefühlen sofort Luft“, erklärt er. Andersherum sei es aber auch besonders schön: „Wenn sich die Mannschaft freut, dann wird gejubelt was das Zeug hält.“ Tolle Momente seien das – so wie der, als die Mülheimer ein Hallenturnier der DFB-Handicap-Liga gewonnen hatten. „Der Teamgeist ist einfach sensationell.“

Passenderweise war es im WM-Jahr 2006, da suchte Tobias Vennemann eine Fußballmannschaft für seine geistig behinderte Schwester. „Sie hatte schon immer Freude am Fußballspielen, konnte in einer normalen Mannschaft aber nicht mithalten“, berichtet der Oberhausener, der zusammen mit seinem besten Kumpel Patrick Posala die Erwachsenen des I-Teams trainiert, die zwischen 18 und 43 Jahre alt sind. Um die Jugendabteilung kümmern sich Michael Pieper und Dirk Thiede, deren Töchter dort spielen. „Die Jüngeren sind zwischen 14 und 18 Jahre alt“, sagt Dirk Thiede, der die Mannschaft damals mitgründete.

Wöchentliches Training

Seine Tochter Sara liebt das wöchentliche Training: „Am schönsten ist, dass wir hier zusammen spielen können – auch mit meinen Freunden aus der Schule“, findet die 16-Jährige, die die Remberg­schule besucht. Nur beim Thema Lieblingsfußballmannschaft gehen die Meinungen der Teamplayer auseinander. „Die einen mögen den BVB, die anderen Schalke und einige sogar Bayern München“, lachen die Trainer. Der 22-jährige Marvin ist leidenschaftlicher Borusse. „Ich war auch schon öfter bei Spielen in Dortmund dabei“, sagt er. Am liebsten sei er aber auf dem Platz an der Südstraße. „Hier habe ich schon viele Freunde aus dem Team gefunden.“ Auch in ihrer Freizeit treffen sie sich. „Dann gehen wir Pizzaessen oder bowlen.“

Denn in dieser Mannschaft geht es nicht nur um sportliche Erfolge, sondern vielmehr um den Zusammenhalt. Daher machen sie auch gemeinsame Ausflüge: Erst vergangene Woche ging es für das Team vier Tage nach Berlin. „Da haben wir uns das Brandenburger Tor angeschaut“, freut sich Marvin und erzählt weiter: „Und natürlich das Fußballstadion.“

 
 

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