Alles Barbara, oder was ?

Eröffnungsfest von Hans Peter Litscher an der Villa Rauen. Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ FotoPool
Eröffnungsfest von Hans Peter Litscher an der Villa Rauen. Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ FotoPool
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Die Ausstellung über Ernst Adolf Steiger in der Villa Rauen ist eine amüsante Achterbahnfahrt.

Nomen est omen, das ließe sich wohl über den Mülheimer Ernst Adolf Steiger sagen. Der Sohn eines Bergmanns soll nicht nur traumatisiert worden sein, weil sein Vater angeblich in der Grube verunglückte. Auch seine Jugend war, sagen wir einmal „ungewöhnlich“. Seine Österreichische Mutter soll ihn wegen seiner hohen Stimme „Barba“ gerufen und ihn in Mädchenkleider gesteckt haben. Zudem sei der so streng katholisch erzogene junge Steiger Mitglied der Wiener Sängerknaben gewesen.

Das habe seine Kinderseele tief geprägt, sagt mit ebenso tiefen Ernst Hans Peter Litscher, der in der Villa Rauen durch Steigers Ausstellung führt – ein „Barbarium“ nennt es der Schweizer Spurensucher, der die Artefakte aus dem Leben des Mülheimers für das Theater der Welt wie ein Museum in der Villa gestaltet hat.

Ist es daher ein Wunder, dass Steiger 14 Schreine für die heilige Barbara, Beschützerin der Bergmänner, Elektriker und Totengräber, anfertigte? Schon der erste in der Diele gibt zu denken: Zahlreiche gerahmte Heiligenbilder der Barbara neben Räucherstäbchen, neben der Gottheit Chango – der etwa in Kuba entsprechend der Barbara verehrt wird – neben einem pinken Barbie-Plastikmotorrad... Halt. Will uns Litscher damit etwa einen regelrechten Barbar-Bären aufbinden?

Es gibt erste kleine Anzeichen dafür, Irritationen wie das Filmbild einer Schauspielerin namens Barbara: „Die mit der Lüge leben“ steht an ihrem Namen. Und die Barbara-Darstellungen, in der sie einen gigantischen Zepter trägt, würde Litscher vielleicht nicht eingefleischten Katholiken zeigen – zu „phallisch“, zwinkert der Museumsführer. Die englische Besuchergruppe schüttelt lachend die Köpfe. Doch vermutlich würden allzu christliche Barbara-Verehrer sich hüten, die oberen Stockwerke zu betreten. Denn Steiger entwickelte nicht nur eine Obsession für die Heilige, kubanische Musik, muskulöse Bergmänner und Grubenponys.

Sondern auch eine Vorliebe für die Spielarten der erzieherischen Flagellation, wie ein Raum verrät, dessen Wände eine beachtliche Sammlung von Peitschen, Messdienergewänder und Bilder von Papst Pius XII zieren. Über Details schweigt sich der Ausstellungsmacher allerdings pietätvoll aus.

Es gibt ohnehin auf dieser Führung schon mehr zu entdecken, als man in einer Stunde überhaupt erfassen kann. Litscher – der im vergangenen Jahr in Oberhausen unter dem Titel „Gelateria Götterdämmerung“ in ähnlicher Weise auf die Spuren des Eisdielenbesitzers Achenbach begab -- trug Wundernswertes, Authentisches und geradezu Fantastisches zu einer unterhaltsamen Achterbahnfahrt vom Keller bis ins Dach zusammen.

Darf man glauben, was man dort findet? Oder ist das alles nur „Rhabarber“? „Eine Frage der Perspektive“, sagt Litscher, „die Ausstellung bietet viele Rezeptionsebenen. Wer Bedenken hat, darf sie äußern, ich kann ihnen begegnen.“ Bislang beschwerte sich niemand, ein Barbara-Sammler habe sogar angeboten, seine Devotionalien der Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Durch eine andere Ausstellung führte er sogar Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, „eine gute Performance von mir – und ihm.“

 
 

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