Allein unter Jungs

Sind Mädchen schlechter in Physik als Jungs?

Sind weibliche Ingenieurinnen ihren männlichen Kollegen unterlegen?

Haben es Frauen grundsätzlich schwerer in technischen Berufen?

Die ersten beiden Fragen können mit klar „Nein“ beantwortet werden. Die letzte allerdings muss leider mit „Ja“ beantwortet werden. Denn: „Statistisch gesehen, ist keine Chancengleichheit vorhanden“, sagt Susanne Staude, Professorin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule Ruhr West (HRW). „Es ist erwiesen, dass weibliche Absolventen länger arbeitslos als ihre männlichen Kollegen sind und auch ein geringeres Einstiegsgehalt beziehen.“ Eine Erfahrung, die Staude bei ihrem ersten Job am eigenen Leib machen musste.

Die HRW hat es sich zum Ziel gemacht, junge Frauen für technische-mathematische Studiengänge zu begeistern und ist nun „Komm nach MINT“ beigetreten, dem nationalen Pakt für Frauen in Berufen, die mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik zu tun haben. Das Engagement zahlt sich aus: Der Frauenanteil wurde im Wintersemester von sechs auf zwölf Prozent verdoppelt und in den Informatikstudiengängen liegt er sogar bei 25 Prozent.

Zu ihnen gehören Michaela Schweizer und Patricia Pauly, die an der HRW im vierten Semester Energiesysteme und Energiewirtschaft studieren. Beide fühlen sich pudelwohl in ihrem Fach und fühlen sich angesichts der männlichen Überzahl nicht eingeschüchtert. Im Gegenteil. „Das Klima ist ziemlich angenehm“, berichtet Michaela Schweizer. „Die Gruppendynamik ist eine ganz andere und man kann viel besser im Team zusammenarbeiten.“ Außerdem fehlen ihrer Meinung nach die „typischen Frauendinge“ wie Zickereien. Ihre Kommilitonin stimmt ihr zu: „Hier kommen auf 60 Jungs rund sieben oder acht Mädels. Dadurch ist unser Verhältnis untereinander auch einfach entspannter.“ Als eingeschworene Gruppe, die sich zu den männlichen Studenten in Konkurrenz begibt, sehen sich die jungen Frauen allerdings nicht.

Auf Umwegen zum Ziel

Zum ihrem technischen Studiengang kamen die beiden auf Umwegen: Michaela Schweizer kommt ursprünglich aus der Nähe von Ulm. Dort absolvierte sie nach der Realschule eine Ausbildung zur Industriekauffrau. „Schon zu dieser Zeit habe ich fast ausschließlich mit Männern gearbeitet“, erinnert sie sich. Doch ihre eigentliche Leidenschaft gehörte der Wissenschaft: „Ich wollte mein ganzes Leben schon etwas mit Technik machen, aber in der Schule habe ich mich nicht getraut“, so Schweizer. Damals sei sie noch zu jung gewesen, um die Berührungsängste mit den vermeintlichen „Jungs-Fächern“ zu überwinden und ihren Weg zu gehen. Durch ihren Vater – einem Agrartechniker – hat sie in den Bereich der erneuerbaren Energien hereingeschnuppert und sich dazu entschieden, ihr Abitur nachzumachen um irgendwann Wirtschaftsingenieurin zu werden. Bei der Internetrecherche nach geeigneten Hochschulen stieß sie auf die HRW und entschied sich gegen Bayern und für das Ruhrgebiet – eine Entscheidung, die auch durch ihre zweite Leidenschaft beeinflusst wurde: „Ich bin eh zwei Mal im Monat ins Ruhrgebiet gefahren, um Schalke spielen zu sehen. Darum fiel der Entschluss, hierher zu ziehen auch sehr leicht.“

„Das war nicht meine Welt“

Patricia Pauly hat ursprünglich Wirtschaftswissenschaften studiert, wollte aber danach ins Marketing wechseln. Ein Praktikum bei einer Agentur hat ihr die Augen geöffnet. „Das war überhaupt nicht meine Welt“, so ihre Bilanz aus dieser Zeit. Ihr Freund, ebenfalls Student an der HRW, erzählte ihr von seiner Hochschule und weckte ihr Interesse. „Ich war immer schon daran interessiert, praxisnah zu arbeiten. Hier kann ich das. Das Problem ist, dass uns Mädels oft erzählt wird, dass Technik so schwer sei.“ Und so etwas schrecke dann auch viele ab.

Susanne Staude ist sich sicher: Die Mädels sind in MINT-Studiengängen auf dem Vormarsch. „Die Zahlen lassen das vermuten: Es gibt in diesen Fächern immer mehr Studentinnen.“ Sie glaubt, dass weibliche Absolventen gute Zukunftsaussichten haben, weil in vielen Unternehmen gerade ein Umdenken stattfindet: „Die Diskussion um eine eventuelle Frauenquote sowie der drohende Fachkräftemangel haben die Firmen nervös gemacht. Sie wollen jetzt ihren Nachwuchs sichern und nicht in der Position sein, jemanden einstellen zu müssen, den sie nicht kennen oder dessen Qualifikation ihnen nicht gefällt.“ Allerdings, gibt sie zu, geht ihr diese Entwicklung noch zu langsam.

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