Aktiv gegen Übergewicht

Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen es immer wieder: Gut ein Drittel der Kinder hat Probleme mit der Beweglichkeit des Körpers, der Feinmotorik und der Sprache. Übergewicht ist ein Problem. Deshalb gibt es bei der Untersuchung schon seit einigen Jahren Sportgutscheine für alle Kinder, die bei zahlreichen der rund 150 Vereinen eingelöst werden können. Inzwischen ist im Ruhrgebiet fast jedes fünfte Kind übergewichtig. Jedes zwanzigste Kind gilt als adipös, fettleibig. Damit ist man zwar noch weit entfernt von britischen oder amerikanischen Verhältnissen, mag man denken, aber die Dynamik, mit der sich der Trend verschärft, ist schon besorgniserregend, wie der Essener Sportwissenschaftler Professor Roland Naul erläutert.

Drei Mülheimer Grundschulen (Hölterschule, Pestalozzi-Grundschule und die Grundschule an der Heinrichstraße) schicken sich jetzt an, bei einem Projekt einzusteigen, das das Sportinstitut der Uni Essen-Duisburg seit fünf Jahren relativ erfolgreich grenzübergreifend am Niederrhein mit einigen Partnern anbietet. Zwölf Kommunen machen mit, das Konzept zieht inzwischen aber schon größere Kreise. Naul skizzierte nun vor einigen Mülheimer Lehrern die Kernpunkte des Konzepts. Mit dabei war auch Schuldezernent Ulrich Ernst, für den die positive Entwicklung der Kinder eine Herzensangelegenheit ist. Übergewichtige Kinder stammen eben oft aus Familien mit geringeren Bildungsstand und Einkommen. „Unabhängig von sozialen Fragen ist die Bewegungsförderung eine der Stellschrauben, an der man gemeinsam drehen kann“, sagte er.

Zwei Faktoren sind es, die im wesentlichen die Gewichtszunahme von Kindern fördern: erstens die Zunahme sitzender Tätigkeiten durch Fernseh- und Videokonsum sowie Spiele. Sport und Bewegung kommen auch zu kurz, weil die Kinder in ihrer Freizeit immer wieder in das „Taxi Mama“ steigen. Zweiter Faktor ist die einseitige, zu fette und zu süße Ernährung. „Das sind sich gegenseitig verstärkende Faktoren“, stellt Naul fest. Da die Gewichtszunahme mehrere Ursachen hat, muss auch die Lösung an mehreren Punkten ansetzen, damit sie effektiv ist. Vor allem muss die Strategie dauerhaft und die Aktivierung regelmäßig sein.

Ein Erfolg ist nur in Kooperation mit Sportvereinen und der Stadt möglich. Sport stünde jeden Tag auf dem Stundenplan, sei als Unterrichtsfach drei Mal die Woche jeweils eine Stunde, oder nachmittags im Verein. Schon der Schulweg sollte nach Möglichkeit unmotorisiert bewältigt werden, auf dem Fahrrad oder im „Walking Bus“, das heißt Eltern begleiten eine Gruppe von sieben bis 14 Kindern zu Fuß. Und in der Pause können sich die Kinder auf einem Schulhof, der mit Spielgeräten zur Bewegung einlädt, auch aktiv betätigen. 60 bis 90 Minuten sollten sich Grundschüler pro Tag bei Sport bewegen, 20 Minuten davon möglichst am Stück, regt Naul an. Wichtig sei es, dass die Kinder in Gruppen, die ihrem Leistungsniveau entsprechen, trainieren, damit Frustrationen ausbleiben.

Im Sachkundeunterricht könnte jede Woche einmal der Körper und die Ernährung Thema sein. „Nicht mit erhobenem Zeigefinger“, warnt der Sportwissenschaftler, denn Verbote machen Verstöße nur interessanter, sondern aufklärend und motivierend. „Wie viele Schritte muss ich für einen Schokoriegel gehen“, könnte es heißen, um so das Problembewusstsein zu schärfen. Schulfrühstück ist ein anderes Thema. Viele Kinder verlassen ohne Frühstück das Zuhause, bekommen von den Eltern Geld, von dem sie sich allzu oft etwas Leckeres, aber Ungesundes kaufen, wie Naul feststellt. Bei anderen Gelegenheiten könnten die Schüler lernen zu schmecken und zu riechen, wenn frisches Obst und Gemüse zubereitet werden. Auch die Eltern dürfe man nicht vergessen. Die Aktion „Kinder testen ihre Eltern“ habe sich als Erfolg erwiesen. Sie könnten dann beim Balancieren und anderen Übungen ihre Koordinationsfähigkeit und Ausdauer unter Beweis stellen. Allerdings stellt das Projekt Anforderungen an das Kollegium, denn Sportlehrer seien oft nicht vorhanden.

„Kinder sind fitter, lernen und fühlen sich besser“, bilanziert Naul und Konflikte zwischen Schülern würden auch weniger.

 
 

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