Agentur verhilft Schwerbehinderten zur Lehrstelle

Der 21-jährige Sebastian Bickert lässt sich im Meisterbetrieb von Michael Enaux in Broich zum Kfz-Mechatroniker ausbilden.
Der 21-jährige Sebastian Bickert lässt sich im Meisterbetrieb von Michael Enaux in Broich zum Kfz-Mechatroniker ausbilden.
Foto: WAZ FotoPool

Mülheim.. Der Kfz-Meisterbetrieb von Michael Enaux ist eine Werkstatt, wie sie wohl jeder Autobesitzer von innen kennt. Nackter Boden, Hebebühnen, Kanister mit Schmiermitteln, klimpernde Schraubenschlüssel. Für Sebastian Bickert jedoch, Azubi im ersten Lehrjahr, schwerbehindert, sind mit dieser nach Öl und Arbeit riechenden Halle große Hoffnungen verbunden.

Im August hat der 21-Jährige seine Lehre zum Kfz-Mechatroniker begonnen, drei Monate Probezeit bewältigt, drei Jahre Ausbildung noch vor der Brust. Um den Job zu bekommen, musste Sebastian Bickert keine Bewerbung schreiben. Der Chef kennt ihn, er konnte ihn während zweier Betriebspraktika beobachten, die jeweils mehrere Wochen dauerten.

„Ein netter Junge“, meint Michael Enaux, der Meister, in dessen kleiner Firma zwei Azubis, ein fest angestellter Geselle und eine Aushilfe tätig sind. Extra für Sebastian habe er die zusätzliche Lehrstelle geschaffen. Auch, weil ihm ein Großteil der Ausbildungsvergütung, die er nach Tarif zahlt, von der Arbeitsagentur erstattet wird. „Ich habe also keine allzu große Belastung.“

Schullaufbahn verlief kurvig

Vielmehr gewinnt er einen Mitarbeiter, denn Sebastian, der anfangs nur „leichte Sachen“ wie Reifenwechsel zu tun bekam, lernt dazu. Er ist froh, sich hier täglich im kleinen Kollegenkreis die Hände schmutzig machen zu dürfen. Der Amateurfußballer vom TuSpo Saarn schwatzt nicht viel über sich, auch nicht über seine Behinderung. Sebastian erwähnt nur „Sauerstoffmangel nach der Geburt“ und einen „Tremor“, ein Muskelzittern, das ihn in seinen Bewegungen beeinträchtige.

Von einem „komplexen Bild“, verschiedenen Gesundheitseinschränkungen, spricht auch Günter Hümbs, zuständiger Rehaberater bei der Arbeitsagentur. Jedenfalls gilt Sebastian sicher als „schwerbehindert“ mit einem Grad von mehr als 50 Prozent. Seine Schullaufbahn verlief kurvig, gleichwohl hat er einiges erreicht: zunächst den Hauptschulabschluss auf einer Gesamtschule, im Sommer gar die mittlere Reife an einem Berufskolleg. Dass er in einer Pflegefamilie lebt, erwähnt der junge Mann beiläufig.

Auch wenn seine Ausbildung erst begonnen hat: Es gibt wenige schwerbehinderte Jugendliche, die es so weit bringen. Laut Günter Hümbs sind es gerade zehn im Jahr, wenn man Mülheim und Oberhausen zusammenzählt. „Viele Schwerbehinderte sind gar nicht in der Lage, eine Ausbildung zu durchlaufen. Und die, die es schaffen, kommen meist von allgemeinbildenden Schulen.“

Arbeitgeber bekommen Zuschüsse

Gleichwohl laufen bei Hümbs viele Fäden zusammen: Er ist als Berufsberater auch zuständig für die Förderschulen. Für etwa 240 Jugendliche, die jährlich eine dieser Schulen verlassen, sucht er nach beruflichen Möglichkeiten. „Schwerbehindert“ sind die meisten dieser jungen Leute zwar nicht. Doch für 70 bis 90 Prozent, so Hümbs, führt der Weg in ein berufsvorbereitenden Jahr, allenfalls eine vereinfachte Ausbildung.

Arbeitgeber, die Schwerbehinderte wie Sebastian als Azubis einstellen, bekommen kräftige Zuschüsse: 50 Prozent der Ausbildungsvergütung trägt die Arbeitsagentur plus den gesetzlichen Anteil zur Sozialversicherung. Auch technische Ausstattung wird gestellt, falls Schwerbehinderte etwa besondere Lesegeräte für die Arbeit brauchen, möglich sind auch aufstockende Zuschüsse vom Landschaftsverband. Den Azubis ihrerseits stehen fünf zusätzliche Urlaubstage im Jahr zu und besonderer Kündigungsschutz.

Kontakte herstellen

Angenommen, Sebastian Bickert schafft in den nächsten drei Jahren seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker und besteht auch die Abschlussprüfung – gibt es bei Enaux für ihn eine Perspektive? Der Chef legt sich nicht fest: „Man muss abwarten.“ Sebastian Bickert lernt derweil auch für eine anderes persönliches Ziel: Anfang 2012 möchte er Führerscheinbesitzer sein.

[kein Linktext vorhanden] Um mehr behinderte Menschen in einen Job zu bringen, um Kontakte zwischen Arbeitgebern und möglichen Mitarbeitern herzustellen, hat die Oberhausener Arbeitsagentur, die auch für Mülheim zuständig ist, im Dezember eine Aktionswoche veranstaltet. Zu tun gibt es reichlich, denn im vergangenen Jahr (von Dezember 2010 bis November 2011) ist etwa die Zahl arbeitsloser Schwerbehinderter in Mülheim um 11,8 Prozent gestiegen: auf nun mehr 303 Personen.

Als Ansprechpartner bei der Arbeitsagentur steht Rehaberater Günter Hümbs zur Verfügung, 8506-210, Guenter.Huembs@arbeitsagentur.de

 

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