Abgeschaltet

Sebastian Sasse
Bei der Diskussionsrunde  der Bundestagskandidaten beim DGB hieß es, dass immer mehr Menschen der Strom abgestellt werde. Wie viele es tatsächlich sind, sagt niemand, aber der Trend stimmt tatsächlich.
Bei der Diskussionsrunde der Bundestagskandidaten beim DGB hieß es, dass immer mehr Menschen der Strom abgestellt werde. Wie viele es tatsächlich sind, sagt niemand, aber der Trend stimmt tatsächlich.
Foto: STEPHAN GLAGLA PHOTO.DESIGN / WA
RWE nennt keine konkrete Zahl der Kunden, die sich den Strom nicht mehr leisten können: Aber es gibt sie und es werden mehr.

„Immer mehr Menschen wird der Strom abgestellt, weil sie nicht zahlen können.“ Ein Satz aus der Diskussion mit den Bundestagsabgeordneten, die in der letzten Woche vom DGB veranstaltet worden ist. Ist das tatsächlich so? Ist dieser Trend auch vor Ort erkennbar?
Der Fakten-Check.

Der Stromkonzern

Das RWE tut sich mit konkreten Zahlen etwas schwer. Der Anteil der Kunden, bei denen der Strom abgestellt wird, sei gering und deren absolute Zahl im übrigen klein, teilt zunächst die Presseabteilung des Konzerns auf NRZ-Anfrage mit. Schließlich wird man doch etwas konkreter: Weniger als ein Promille ihrer Kunden sei betroffen. Klingt auf den ersten Blick wenig, aber wenn man bedenkt, dass das RWE immer noch als Anbieter, die meisten Haushalte in der Stadt beliefert, ist auch ein Tausendstel ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Es gibt rund 80 000 Privathaushalte in Mülheim. Wenn selbst nur noch die Hälfte von denen RWE-Strom beziehen würde, wäre nach dieser Rechnung immerhin bei 40 Haushalten der Saft abgedreht worden. Keine geringe Zahl, wenn man die Situation vor Ort betrachtet.

Der Schuldnerberater

„Erst das, was fürs Leben notwendig ist zahlen und dann den Rest“, sagt Carsten Welp. Diese Faustregel , die der Schuldnerberater der Arbeiterwohlfahrt seinen Klienten gerne mit auf den Weg gibt, scheint selbstverständlich. Wenn man ihr folgt, dann wird auch kein Strom abgegestellt. In Wirklichkeit leben aber immer mehr Menschen eben nicht nach diesem Konzept. Das hängt wiederum damit zusammen, dass ein anderer Grundsatz nicht mehr gilt: „Ein Drittel des Budgets geht für die Lebenserhaltung drauf, ein Drittel für die Miete und das letzte Drittel kann für den Rest verwendet werden. Dazu zählt dann auch sparen.“ Nach diesem Muster sei früher das Einkommen verteilt worden. Aber heute gehe diese Ausgabenrechnung bei immer mehr Menschen nicht mehr auf, weil der Verdienst gerade mal dazu ausreiche, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Kurz: Es gibt keinen Rest mehr. Das ganze Geld geht für die Existenzsicherung drauf. Die Folge: Nicht jeder will sich diese frustrierende Situation eingestehen. Und da kommt man dann wieder zu Welps Faustregel. Wer so lebt, als ob etwas übrig bliebe, der macht Schulden. Und die können dann irgendwann so hoch werden, dass auch kein Geld für den Strom mehr da ist.

Auch wenn Welp nicht genau beziffern kann, wie viele seiner Klienten tatsächlich Stromschulden haben, ist er doch angesichts dieser Entwicklung sicher: Der Anteil wird hoch sein. Sein Rat an alle Betroffenen: Frühzeitig Beratung suchen, nicht erst dann, wenn der Mann vom Elektrizitätswerk vor der Tür steht, um den Anschluss abzuklemmen. „Je eher wir eingeschaltet werden, um so mehr kann man in Verhandlungen mit dem Anbieter erreichen. Ist der Strom erst mal abgestellt, wird es schwieriger.“

Die Verbraucherschützer

Bestätigung für diesen Trend kommt auch aus der Verbraucherzentrale: 12 Prozent aller Beratungsgespräche, die dort stattfinden, gehen um die Frage, wie man Energie sparen kann. „Das ist das Top-Thema“, sagt Leiterin Christiane Lersch. Grundsätzlich gibt es zwei Modelle wie man sparen kann. „Der Wechsel des Anbieters ist oft sinnvoll. Je nachdem wie viele Menschen in einem Haushalt leben und wie deren Verbrauch ist, können so bis zu 400 Euro eingespart werden.“ Die zweite Sparvariante fällt nach Lerschs Erfahrung deutlich schwerer: „Gewohnheiten ändern.“ Als Beispiel fällt ihr immer ein dreiköpfigen Familie ein. „Wir haben lange überlegt, was der hohe Kostenfaktor ist. Dann stellte sich heraus: Jeder von denen hat jeden Tag gebadet. Duschen ist natürlich billiger.“ Sie haben ihre Gewohnheit geändert. Es sieht so aus, als ob ihnen in Zukunft immer mehr Menschen folgen werden.