90 Jahre vergehen wie im Segelflug

Frank-Rainer Hesselmann
Der Nachwuchs schiebt ein Segelflugzeug zum Start. Der Gleiter hebt wenig später auf dem heimischen Flughafen ab.
Der Nachwuchs schiebt ein Segelflugzeug zum Start. Der Gleiter hebt wenig später auf dem heimischen Flughafen ab.
Foto: Michael Petzold/Aero-Club
Am 24. Oktober feiern Gäste und Mitglieder des Aero-Clubs Mülheim das Vereinsjubiläum.

Mülheim.  Um 1900 begeistert Otto Lilienthal die Menschen mit seinen Gleitversuchen. Auch Mülheimer beteiligen sich an der Entwicklung der Luftfahrt. Bereits 1905 startet der erste Ballon von der Monning. An der Rennbahn Raffelberg landet ein „Aeroplan“ zum Offiziersrennen der Mülheimer Garnison.

Überflüge von Luftschiffen steigern ebenso das Interesse an der Fliegerei. Aber erst 1925 verhilft eine Gruppe Flugbegeisterter dem „Mülheim-Duisburger Flugsportverein“ zum Start. Die Gründungsurkunde unterschreiben am 3. September vor 90 Jahren 80 Ikarusjünger in der Gaststätte Kolkmann.

Um auch fliegen zu können, müssen die Pioniere ihre fliegenden Kisten selbst bauen. 1926 taufen sie ihren ersten Eigenbau, ein Gleitflugzeug, auf den Namen „Schädelspalter“. „Beim Bau richteten wir uns nach der Abbildung in einer Zeitschrift. Als Material dienten Dachlatten und andere alltägliche Teile – und es flog“, steht in der Chronik. Mit der Zeit entsteht eine kleine Flugzeugflotte.

Weil die Segeflieger kein eigenes Gelände haben, weichen sie zur Wasserkuppe in die Rhön aus. Am Hölzenberg finden sie 1929 im Broich-Speldorfer Wald ein Gleitfluggelände. An der „Startstelle Bissingheim“ errichten sie ihr erstes Vereinsheim mit Halle für zwölf Segelflugzeuge. Weil sich der Hang nur für kurze Gleitflüge eignet, weichen die Segelflieger oft zu anderen Plätzen aus. Zwei von ihnen fahren die 2200 Kilometer nach Rossiten auf der Kurischen Nehrung, damals ein Segelflugparadies.

„1930 entdeckten wir bei Ostwind die hervorragenden Hangflugeigenschaften am Auberg, die wir bis heute nutzen. So kam es, dass unsere ersten echten Segelflüge dort begannen, mit Flugzeiten von bis zu 20 Minuten und bei einer mittleren Flughöhe von 100 Metern“, steht in der Chronik des Aeroclubs. 1932 stellt ein heimischer Segelflieger am Auberg den damaligen Westdeutschen Rekord im Dauerflug auf: 13 Stunden und 43 Minuten segelt er, allein durch den Hangaufwind.

Ab 1935 entsteht eine neue Flugzeughalle am Auberg, und die Flugsport-Gruppen Deutschlands geraten unter die Kontrolle der Nazis.

Obwohl nach dem Krieg alle Vereinsflugzeuge verloren sind, ein totales Luftsportverbot gilt, treffen sich 1946/47 Mülheimer Flugsport-Freunde am Stammtisch wieder. Um in der Luft zu bleiben, gründen sie die „Flugsportinteressen-Gemeinschaft“ und überzeugen den englischen Sportoffizier zur Genehmigung einer Modellflugvereinigung. Als sich auf einer Versammlung am 6. Oktober 1950 – unter den kritischen Blicken des alliierten Stadtkommandanten – 153 Personen in die Mitgliederliste eintragen, geht der „Aero-Club Mülheim an der Ruhr“ an den Start. Bald bauen Clubmitglieder neben Modellen zwei große Segelflugzeuge und eine Schleppwinde.

Zweite Halle am Flughafen

Im Herbst 1952 starten zwei Segelflugzeuge zu Jungfernflügen auf dem Flughafen Essen-Mülheim – die ersten nach dem Krieg. Der Aero-Club findet dort seine endgültige Heimat und erlebt einen stetigen Aufwind: Die Segelflieger machen ihren ersten 300-Kilomter-Überlandflug, melden 1959 den 10 000. Nachkriegs-Start. Segelflüge ab Mülheim sind längst Routine.

Es dauert fast zehn Jahre, bis der Aero-Club die Genehmigung für den Bau seiner Halle mit Clubheim erhält. Am 1. Mai 1980 werden beide eröffnet. 1987 kündigt die Stadt dem Aero-Club ersatzlos und ohne Vorwarnung das Modellfluggelände in den Ruhrwiesen am Kahlenberg. An der Rembergstraße pachtet der Verein ein neues Gelände – begleitet von Verboten, Gesprächen und Gutachten. Nadelstiche gegen den Verein beginnen.

Als 1997 die Modellwerkstatt in den Keller der Luisenschule zieht, beginnt eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Lehrgängen und eigenen Entwicklungen. Später zieht die Werkstatt zur Bahnstraße, auf dem Flughafen entsteht die zweite Halle. Mit dem Gymnasium Heißen startet die Segelflug-AG.

Eine gute Nachbarschaft mit den am Flughafen beheimateten Firmen rundet Aero-Club-Arbeit ab.