5200 Mülheimer gehen inzwischen einem Zweitjob nach

Andreas Heinrich
Reinigungskräfte sind besonders häufig auf einen Zweitjob angewiesen.
Reinigungskräfte sind besonders häufig auf einen Zweitjob angewiesen.
Foto: ddp
  • Jeder 13. Angestellte gilt mittlerweile als „mehrfachbeschäftigt“
  • Die Zahl hat in den vergangenen acht Jahren kontinuierlich zugenommen
  • DGB fordert höhere Entlohnung der Arbeitnehmer

Mülheim. Für immer mehr Mülheimer reicht das Einkommen aus dem ersten Job nicht aus, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Die Zahl der Arbeitnehmer, die einen zweiten oder gar dritten Job ausüben, steigt. In Mülheim sind es knapp 5200 Bürger, die mittlerweile zu den so genannten Mehrfachbeschäftigten zählen. Das ist nahezu jeder 13. Beschäftigte in der Stadt. Die Zahlen nannte jetzt die Agentur für Arbeit.

Kontinuierlich hat in der Stadt die Zahl der Mehrfachbeschäftigten in den vergangenen acht Jahren zugenommen. Deutlich mehr Frauen als Männer sind betroffen. Die meisten Mehrfachbeschäftigten, das sind in Mülheim 4200, üben neben ihrer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, mindestens noch eine zusätzliche geringfügige Beschäftigung – Mini-Job – aus. Aber: Immerhin sind auch 450 Mülheimer an gleich zwei sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen tätig, so Katja Hübner, Sprecherin der Agentur für Arbeit.

Ungute Entwicklung

Für die Gewerkschaften verbirgt sich hinter den Zahlen eine ungute Entwicklung: Vor Jahren, erinnert der Mülheimer DGB-Chef Klaus Waschulewski, war es noch verpönt, einer zweiten Arbeit nachzugehen.

„Da ging es vielleicht darum, sich den Zweitwagen oder den dritten Urlaub leisten zu können.“ Heute, so Waschulewski, würde die Not dazu treiben. „Für viele ist der zweite und gar dritte Job zur traurigen Normalität geworden.“ Sowohl in der Gruppe der Jüngeren bis 35 Jahre, aber auch in der Altersgruppe 45 bis 55 Jahre kommen mit dem Einkommen aus einer Beschäftigung scheinbar nicht hin.

Es sind dabei keineswegs nur Ungelernte, die die Last auf sich nehmen, im Gegenteil: Fast 3000 der Mehrfachbeschäftigten weisen einen klassischen beruflichen Abschluss auf. Was die Berufe betrifft, so gehen vor allem Beschäftigte in Reinigungsdiensten und aus medizinischen und nicht-medizinischen Gesundheitsberufen einer weiteren Beschäftigung nach. Und auch jeder Zehnte, der bei einer Zeitarbeitsfirma sein Geld verdient, kommt damit scheinbar nicht hin.

Manche überraschen die Zahlen nicht; erst kürzlich hatte das Landesamt für Statistik den Anstieg prekärer Beschäftigungsverhältnisse ausgemacht. „Die Entwicklung“, sagt der DGB-Chef, „ist vielfach den kargen Löhnen geschuldet.“ Wer den Mindestlohn erhalte und unterm Strich nur 900 Euro rausbekomme, könne damit seinen Alltag kaum bestreiten, erst recht Familien nicht. Ein Einkommen muss zum Auskommen reichen, fordert daher der DGB-Mann und sieht in der Zunahme der Mehrfachbeschäftigungen neben einem hohen Stressfaktor auch einen Grund dafür, warum Krankenstände höher werden.

Beschäftigungszahlen der Agentur für Arbeit

Derzeit befinden sich 70.300 Menschen in einer sozialversicherungspflichtigen oder geringfügigen Beschäftigung.

Vollzeitbeschäftigt sind 45.400 Arbeitnehmer, 24200 arbeiten in Teilzeit. Einen beruflichen Abschluss weisen 37.525 Beschäftigte auf, einen akademischen haben 9366.