Zwei Blindgänger und ein Volltreffer

Die schmiedeeiserne Bank an der Haustreppe, auf der 1932 Vater Heinrich und Sohn Helmut Kickermann saßen, wurde von einer Luftmine beim Fliegerangriff am 19. März 1945 in eine Kastanie am Waisenhaus gebombt. Das Haus selbst wurde dem Erdboden gleich gemacht.
Die schmiedeeiserne Bank an der Haustreppe, auf der 1932 Vater Heinrich und Sohn Helmut Kickermann saßen, wurde von einer Luftmine beim Fliegerangriff am 19. März 1945 in eine Kastanie am Waisenhaus gebombt. Das Haus selbst wurde dem Erdboden gleich gemacht.
Foto: WP

Menden..  Letztendlich lassen sich nur Vermutungen anstellen, wie Schwester Ammelberga am Josefstag, 19. März 1945, beim Luftangriff im Keller des Waisenhauses umgekommen ist. Es soll, so die beiden Nachbarn des Waisenhauses, Margret Bahr geb. Schweitzer (Jhrg. 1938) und Gerhard Kickermann (Jhrg.1936), im Waisenhaus selbst keine Bombe explodiert sein. Aber was da offensichtlich passiert ist, ist fast schon mysteriös und hat mir einen Schauder über den Rücken gejagt.

Margret Bahr, die ihr Leben lang am Südwall 12 gelebt hat, schilderte mir folgenden Hergang. Sie kannte das Waisenhaus, ging da ein und aus, spielte und aß zuweilen auch mit den Kindern. Auf den Dächern des Waisenhauses war in Leuchtschrift ein großes H aufgemalt, sagte sie, für feindliche Flieger das Zeichen für Hospital, also nicht bombardieren.

Sr. Ammelbergawurde Schutzengel

Am Nachmittag des Josefstags 1945, einem Montag, heulten die Luftschutz-Sirenen. Was dann passierte, ist außerordentlich bemerkenswert. Margrets Großmutter Wilhelmine Eickhoff, damals 72 Jahre alt, hatte bisher noch nie einen Luftschutzkeller aufgesucht. Diesmal doch. Sie setzte sich im Keller in einem Raum neben der Küche unter der Kapelle neben eine Glasvitrine. Da soll Schwester Ammelberga zu ihr gekommen und gesagt haben: „Setzen Sie sich bitte woanders hin, gleich könnte es unruhig werden, könnte was passieren. Oma Eickhoff, die oft im Waisenhaus half und deshalb Zugang zum Keller hatte, setzte sich um. Schwester Ammelberga nahm ihren Platz neben der Vitrine ein, hatte ein Kind auf dem Arm.

Fügung, guter Schutzengel, zweites Gesicht? Was dann passierte, lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Aber konnten wirklich zwei Fliegerminen durch die Keller des Waisenhauses jagen und wieder austreten ohne zu explodieren? Sie lagen danach als Blindgänger im Garten des Hauses Südwall 12. Zweifel an ihrer Schilderung über den Hergang des Fliegerangriffs lässt Margret Bahr geb. Schweitzer nicht zu. „Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, und es gab auch die Austrittslöcher in der Waisenhaus-Wand. Die wurden nach dem Krieg zugemauert.“

Durch die Erschütterung und den ungeheuren Druck ist im Keller offensichtlich die Glas-Vitrine zerborsten. Glas-Splitter müssen die Nonne getötet und die kleine Marlene Werthschulte am Kopf verletzt haben. Es gab wohl einen Knall, eine Explosion aber nicht. Die hätte viele Tote gefordert.

Blindgänger nichtsofort entschärft

Margret Bahr erzählte mir weiter, dass diese beiden Blindgänger nicht sofort entschärft worden sind, sondern ihr und den Kindern aus dem Haus Südwall 12, in dem vier Familien wohnten, beim Spielen als Unterlage für eine Holzwippe gedient haben. Sie war damals sieben Jahre alt, saß beim Fliegerangriff auf dem Schoß ihrer Oma.

Als die Blindgänger, die ihrer Schätzung nach etwa 80 cm groß gewesen sein könnten, entschärft werden sollten, mussten die Familien das Haus verlassen. „Wir gingen zu Verwandten auf der Platte Heide.“ Das war wenige Wochen vor Ende des Krieges schon eine unruhige Zeit. Als sie von der Platte Heide zurückkehrten in ihr Haus, war in den Keller eingebrochen worden. Alle Einmachgläser waren entwendet.

Volltreffer im Haus Färbergasse 4

In der Färbergasse 4, nahe der anderen Seitenmauer zum Waisenhaus, wohnte damals Gerhard Kickermann. Er hatte an jenem Josefstag auf dem Hof der Gaststätte Rehbein (heute Fielmann) mit dem Gastwirtsohn Alexander an einer Schleuder gebastelt. Die beiden waren um die neun Jahre alt. Gerhard Kickermanns Bruder Helmut (Jahrg. 1930) war gerade erst aus der Berufsschule gekommen und hatte sich ein wenig hinlegen wollen, als Luftschutzalarm alle hochscheuchte. Mutter Kickermann: „Sofort ab in die Keller.“ Luftschutzkeller waren sowohl der Bierkeller von Rehbein als auch ein Keller im Haus von Quínke in der Färbergasse zwischen dem Rehbein-Hof und dem Kickermann-Haus.

Gerhard Kickermann schilderte, was dann los war: „Im Quinke-Keller merkten wir eine kleine Erschütterung. Wir haben abgewartet. Als Ruhe war, ging mein Bruder raus, kam zurück und sagte: Draußen ist alles voller Staub, ich kann nichts sehen.“ Nach einiger Zeit ging er wieder raus und sah dann, was passiert war: Ihr Haus Färbergasse 4, ihr Zuhause war komplett weggesprengt.

Bank hing in KastanieKlavier auf der Straße

Groteske Bilder: „Unsere fest mit der Treppe vor dem Haus verankerte schmiedeeiserne Bank hing in einer großen Kastanie an der Mauer zum Waisenhaus, hing da später noch Jahre lang wie ein Mahnmal. Weil keiner wusste, wie er sie aus dem Geäst herunterholen sollte. Außerdem war das Klavier seines Vaters mit ungeheurer Wucht in die Vincenz-Straße geschleudert worden. „Vater Heinrich war u.a. Musiker der Kapelle Fred Stumpe und hat zudem Jahre lang bei den Kursen der Tanzschule Grewe beim alten Grewe (Karl II.) gespielt.“

Heute befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen Gebäudes Färbergasse 4 mehrere Garagen. Die Reste des Hauses wurden abgerissen, das Haus wurde nicht wieder aufgebaut, weil es dort für Bebauung zu eng war. So damals die Ansicht der Stadtverwaltung.

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