Wie Kinder Teamplayer statt Ichlinge werden

Dr. Stephan Valentin
Dr. Stephan Valentin
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Mit seinem Buch „Ichlinge – Warum unsere Kinder keine Teamplayer sind“ kommt Dr. Stephan Valentin am Donnerstag, 13. Februar, um 19.30 Uhr nach Menden. Im WP-Interview spricht Valentin über die Bedeutung von Gemeinschaft, über Erwartungsdruck und Eltern als Vorbilder.

Menden.. Der Schriftsteller, Drehbuchautor, Doktor der Psychologie und Buchautor plädiert dafür, Kindern Zeit und Raum zu lassen, damit sich Toleranz und Rücksichtnahme richtig entwickeln. Im WP-Interview spricht Valentin über die Bedeutung von Gemeinschaft, über Erwartungsdruck und Eltern als Vorbilder.

Frage: Sie sagen, dass ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl bei Kindern für ihr späteres Leben entscheidend ist. Wie haben Sie Ihre eigene Kindheit erlebt?

Dr. Stephan Valentin: Da ich in einem Dorf bei Heidelberg aufgewachsen bin, verbrachte ich meine Freizeit eigentlich nur spielend auf Feldern und im Wald. Ich habe meine Kindheit mit meinen Freunden zusammen erlebt. Natürlich war ich als Kind auch in einer Bande. Wir haben uns die „Die Dreiecke“ genannt. Alles ganz real und nicht virtuell … Ich habe auch viel Mannschaftssport getrieben wie Hockey.

Ihre Lesungen stoßen regelmäßig auf große Resonanz. Auch in Menden ist der Andrang bereits groß. Haben Sie mit Ihrem Thema „Ichlinge“ einen Nerv getroffen?

Wir werden uns wohl immer mehr bewusst, dass „Beschleunigung und Leistung“ das Leitmotiv unserer Gesellschaft geworden sind. Eltern und Erzieher, natürlich auch die Kinder, spüren, unter welchen täglichen Druck sie stehen, dass nur der Beste belohnt wird, dass der andere vor allem Konkurrent ist, dass Ellenbogen ausfahren normal geworden ist. Wie werden wir also als Gesellschaft in Zukunft weiter zusammenleben? Jeder allein für sich? Vor seinem Bildschirm?

Aber mal ehrlich: Sind Ellenbogen in unserer Gesellschaft nicht sogar notwendig, um erfolgreich zu sein?

Notwendig nicht, aber von vielen Eltern als wichtig empfunden, damit ihr Kind seine Weg meistern kann und nicht überrollt wird. Eltern haben bereits Angst, wenn ihr Kind zu sozial eingestellt ist. Dabei ist Teamarbeit ebenfalls ein toller Weg, im Leben voran zu kommen. Es wird nur nicht genug gefördert. Wie soll man da ausreichend positive Erfahrungen machen?

Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Die meisten fördern es deshalb nach Kräften. Sie sagen, dass Kinder aber vor allem auch Zeit in Gemeinschaft brauchen und Zeit zum Spielen, damit sie soziale Fähigkeiten entwickeln. Wie kann beides gelingen?

Sein Kind mit anderen Kindern spielen zu lassen, ist schon eine Art der Förderung. Kinder lernen so, wie sie auf den anderen eingehen oder mit ihm umgehen sollen und auch, welche Reaktionen ihre Aktionen bewirken. Fördern sollte generell in Maßen geschehen. Wenn jeder Nachmittag und das Wochenende mit irgendwelchen Kursen verplant sind, und das schon ab dem Babyalter, dann ist das doch eigentlich mehr Stress als fördern.

Der Erwartungsdruck ist heute auch für Eltern groß. Sie sagen, dass Mütter und Väter Vorbilder für ihre Kinder in punkto Gemeinschaft sein sollen. Kann das in einer Ein-Eltern-Familie gleich gut gelingen wie in der Großfamilie, in der Hausgemeinschaft ebenso gut wie im Einfamilienhaus?

Klar, denn Mama, Papa und das Kind, auch zu dritt, sind immer ein Team. Und die Großeltern gehören ja ebenfalls dazu, auch wenn sie vielleicht nicht immer in der Nähe wohnen. Wichtig ist, egal wie groß eine Familie ist, das Gemeinschaftsgefühl dem Kind vorzuleben und es daran Teil haben zu lassen. Etwas gemeinsam unternehmen, gemeinsam essen, miteinander spielen, einander helfen, sich gegenseitig respektieren …

Was ist also Ihrer Meinung nach in der Erziehung von Kindern das Wichtigste?

Dass Kinder lernen, in Harmonie mit ihren Mitmenschen zu leben und dass sie teamfähig werden. Kinder saugen alles auf, was ihre Eltern ihnen vorleben. Diese Vorbildrolle kann man sich toll als Eltern zu Nutze machen, um seine Werte an das Kind weiterzugeben.

Und wie sind zu dieser Erkenntnis gelangt?

Durch meinen persönlichen Alltag und natürlich durch meine Arbeit als Psychologe. Wir haben laut einer Umfrage die einsamste Generation von Jugendlichen überhaupt. Alle sind zwar ständig „online“ und „vernetzt“, aber allein mit sich.

Wie und wo leben Sie zurzeit?

Ich habe in Paris studiert und lebe dort. Allerdings schlafe ich momentan mehr in Hotels, denn ich bin wegen der vielen Ichlinge-Vorträge viel in Deutschland unterwegs. Aber das gefällt mir sehr. Heimat bleibt eben Heimat.

 
 

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