Waldemar Hartmann in Menden - „Jogi Löw ist keine große Nummer mehr“

Waldemar Hartmann, der ehemalige ARD-Moderator, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund, wenn es um Fußball-Themen geht,
Waldemar Hartmann, der ehemalige ARD-Moderator, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund, wenn es um Fußball-Themen geht,
Foto: dpa
Er verfügt über ungezählte Kontakte in die Sport-Szene und in die Politik. Der ehemalige Fernseh-Moderator Waldemar Hartmann kann sich aber erst jetzt den Luxus leisten, seine ehrliche Meinung zu verschiedenen Themen zu sagen. Auch die zu Bundestrainer Joachim Löw. Waldi findet: "Jogi ist nicht mehr die große Nummer, die er war."

Menden. Duzmaschine, Kultmoderator - an Waldemar Hartmann scheiden sich die Geister. Bevor der 65-Jährige auf Einladung der Buchhandlung Daub im Alten Rathaus Menden aus seinem Buch „Dritte Halbzeit - Eine Bilanz“ las, sprach er mit der WAZ Mediengruppe. Es ging mal nicht um Rudi Völlers unvergessene Worte „Du sitzt hier locker auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken“ beim Wutausbruch des damaligen Fußball-Nationaltrainers nach einem Unentschieden gegen Island. Im Interview beschäftigt sich Waldi Hartmann vielmehr auch mit Nachfolger Jogi Löw.


Hallo Herr Hartmann. Wie geht es Ihnen im Fernseh-Ruhestand?

Ich bin geradezu süchtig nach meinem alten Beruf, ständig male ich mein Gesicht auf Flatscreens, nur damit es so aussieht, als wäre alles wie immer. Völliger Quatsch. Ich habe meinen Abschied nicht zwischen Tür und Angel entschieden. Den Vertrag mit der ARD nicht zu verlängern, war meine Entscheidung. Ich bin völlig relaxt. Ich habe auch zehn Jahre lang eine Kneipe gehabt und dann festgestellt, dass der Aufenthalt vor der Theke weitaus angenehmer ist als dahinter.


Kein Anflug von Reue?

Nicht eine Sekunde. Denn dann hätte ich ja auch Menden nicht kennengelernt. Wie hätte ich vor meinem Gott gestanden, wenn der mich irgendwann gefragt hätte: Wie fandest Du Menden? Was hätte ich da gesagt?


Menden - wo die Autobahnen enden. Das hat Ihr Kollege Harald Schmidt mal gedichtet.

Ist das so? Sei es drum. Ich freue mich auf Menden.


Zieht es Sie gar nicht zurück ins Rampenlicht?

Aber wieso? Ich bin doch mehr im Fernsehen als je zuvor, weil ich von Talkshow zu Talkshow springe, um für mein Buch Werbung zu machen. Zwischendurch werde ich halt nur mal ausgeladen.

Ihr Auftritt in „Inas Nacht“ wurde von der ARD gestoppt.

Ina und ich freuten uns schon. Man muss ja bei ihr immer ein Lied singen. Ich hatte mir „Sailing“ von Rod Stewart ausgesucht. Darauf wird die Menschheit nun verzichten müssen. Das ist ein herber Verlust. Die Geschichte des Eurovision Song Contest hätte umgeschrieben werden müssen.


Warum sind Sie ausgeladen worden? Hatte die ARD Angst vor Ihren Sprüchen?

Kann sein. Die Redakteurin, die beim NDR für „Inas Nacht“ zuständig ist, hat mich ausladen lassen mit der Begründung, ich hätte abfällige Bemerkungen über die ARD gemacht.


Und? Haben Sie?

Nein, habe ich nicht. Aber ich bin auch nicht als Pressesprecher der ARD auf Reisen.

Hartmann muss in seiner Bilanz auf niemanden mehr Rücksicht nehmen
 

Wieviel Abrechnung steckt denn in Ihrem Buch?

Das ist keine Blutgrätsche, aber ein paar taktische Fouls finden sich schon darin. 95 Prozent sind unterhaltsam, fünf Prozent sind eine persönliche Aufarbeitung. Aber das ist alles nichts, weswegen ich vom Platz gestellt werden müsste.


Ein ungetrübter Blick hinter die ­Kulissen also?

Genau. Sie müssen in der Politikredaktion nichts kaufen, sie müssen in der Wirtschaftsredaktion nichts kaufen, um darüber berichten zu können. Nur beim Sport. Und dann soll derjenige, der die Rechte für teures Geld gekauft hat, sagen, dass das erste Ziel sei, auf­zudecken, was da alles an Schweinereien passiert? Das ist das journalistische Märchenland. Und das Schöne ist: Das kann ich hier ­sagen. Ich muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, ich muss nicht taktieren, ich brauche keine unheiligen Allianzen mehr.

Die Zeiten haben sich eben geändert, oder?

Auf die Interviews nach dem Spiel können Sie doch eine Schablone legen. Manchmal verstehe ich gar nicht, was die da sagen: Wir haben offensiv nicht gut genug gegen den Ball gespielt. Da sagt Jens Jeremies zurecht: Wir haben damals immer mit dem Ball gespielt.


Jens Jeremies ist einer neuen Generation Fußballern gewichen. Wie gefallen Ihnen Jogis Jungs?

Was die machen, gefällt mir schon - bis auf die Tatsache, dass wir seit 1996 keinen Titel mehr gewonnen haben. Außerdem missfällt mir, dass Jogi Löw so tut, als ob er ihnen das Fußballspielen beigebracht hätte. Das hat er nämlich nicht. Das haben die Vereine und Internate gemacht. Kein Bundestrainer hatte jemals eine solche Auswahl an intelligenten und best ausgebildeten Fußballern zur Verfügung wie Löw.

Sie halten nicht viel von ihm?

Die Diskussion darüber, ob er ein guter Trainer ist, ist ja schon in vollem Gange. Jogi ist ok, aber es ist doch kein Zufall, dass wir so lange keinen Titel geholt haben, sondern nur noch dritte Plätze.

Aber Bundestrainer Jögi Löw kommt super an.

Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Seit dem Italien-Spiel bei der EM. Wenn einer acht Wochen auf Tauchstation geht, nachdem er sich bei der Taktik klassisch verzockt hat, dann spricht das nicht gerade für ihn. Jogi ist nicht mehr die große Nummer, die er mal war.

Trauen Sie Jogi Löw einen ähnlichen Ausraster wie seinerzeit Rudi Völler zu?

Ich glaube, der würde nach zwei Minuten an seinen Nivea-Vertrag denken, dass das jetzt nicht wirklich geschmeidig ist und nicht gut ankommt. Also von daher würde es soweit gar nicht kommen.

 
 

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