Traditionelles Beiern: Präzisionsarbeit in der Glockenstube

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Menden. Sie wiegen bis zu 3,1 Tonnen, doch die drei Männer haben sie komplett im Griff. Die Glocken, die hoch oben im Turm von St. Vincenz hängen, werden achtmal im Jahr nicht elektronisch gesteuert, sondern von Hand angeschlagen. Das so genannte Beiern ist Präzisionsarbeit in der Glockenstube. Gestern erklang es wieder.

Das größte Publikum haben Michael Kleine, Christoph Ellert und Martin Swora immer am Heiligen Abend. Beim Turmblasen stehen Tausende am Fuße von St. Vincenz und können die Schwerstarbeit droben in der Glockenstube nur erahnen. Und einige mögen auch nicht wissen, dass sich dieses besondere Geläut mit keinem Computer steuern lässt, sondern dass Beiern echte Handarbeit ist. Während die Glocken nämlich bei normalem Läuten langsam in Schwung kommen, setzen die Schläge beim Beiern abrupt ein – und geht alles gut, dann endet der Klang auch mit einem Schlag. Wenn gebeiert wird, hat das elektronische Programm, das die Vincenz-Glocken tagtäglich steuert, nichts zu melden.

1976 übernahm Michael Kleine die Tradition von seinem Vater Werner, vor 30 Jahren stießen Christoph Ellert und Martin Swora dazu. Norbert Huckschlag, damals der Vierte im Bunde, musste sich inzwischen wegen Bandscheiben-Problemen zurückziehen. „Eigentlich reichen zwei Mann aus“, erklärt Martin Swora. Besser beiert es sich aber zu dritt, denn vor allem beim Großläuten leisten die Männer Schwerstarbeit.

Gestern haben sich Kleine und Ellert dabei beim kraftraubenden Ziehen der Seile abgewechselt. Die Übergabe der Seile funktioniert wie das Übergeben eines Staffelstabes in der Leichtathletik – sie dürfen nicht hinfallen. Anschließend löste Kleine Martin Swora bei der gefährlichsten Aufgabe ab: Beim Großläuten wird eine der großen Glocken elektronisch ins Schwingen versetzt. Aber der Klöppel darf so lange nicht an die Glockenwand schlagen, bis die Glocke ihren höchsten Schwung erreicht hat. So lange fangen die Männer den Klöppel bei jedem Schwung mit einem Seil ab. Kraft und Konzentration sind wichtig, wenn die tonnenschwere Glocke schwingt, die einen Mann durchaus erschlagen könnte.

Nach Erfahrung und Gefühl schlagen Kleine, Ellert und Swora die Glocken an. Es gibt keine festgelegte Zahl von Anschlägen, keine festgelegte Dauer. Per Blickkontakt verständigen sich die Männer, wenn das Geläut enden soll. Sie haben inzwischen Routine. Vor 30 Jahren war das noch anders: Zum „Lernen“ stellten sich Ellert und Swora ein ganzes Jahr lang hinter die alten Beier-Hasen, um ein Gefühl für das richtige Timing zu bekommen. Beiern ist nichts, was man üben oder proben kann. Am Neujahrstag 1982 feierten sie dann ihre Premiere. Neujahr ist für das Beiern wie das Nachtprogramm für Radiomoderatoren-Frischlinge: „Da kriegen das die wenigsten mit“, sagt Swora und lacht.

Manchmal ging auch später noch etwas schief. 2001 vermerkt das Tagebuch, das Swora über die Einsätze führt: „Große Katastrophe! Beiern fällt aus! Alle Glocken wurden gewartet und haben neue Antriebsräder erhalten. Logisch, dass unsere Blockierstangen nicht mehr passten.“ Krankheitsbedingt oder wegen Renovierungsarbeiten in der Kirche musste das Beiern einige Male ausfallen.

Heiligabend kommen, auch das ist schon Tradition, die Söhne der Männer mit auf den Turm. Ob sie die Tradition eines Tages fortsetzen? Es gibt berechtigte Hoffnungen. „Aber zehn Jahre“, sagt Swora, „machen wir bestimmt noch.“

 
 

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