Schlafäpfel - Kinderstuben an Heckenrosen

Ein Rosenschlafapfel.
Ein Rosenschlafapfel.
Foto: WP
An Wildrosenzweigen kann man das ganze Jahr hindurch auffällige pflanzliche Wucherungen beobachten: walnuss- bis apfelgroße Ballen, unregelmäßig geformt und wie Moosknäuel aussehend. Im Sommer sind sie grüngelb, später rot und im Winter braunschwarz. Man nennt sie Rosenschlafäpfel, und es handelt sich dabei um Pflanzengallen, die ihren Ursprung einem 3 bis 4 Millimeter großen Insekt verdanken: der Gemeinen Rosengallwespe.

Menden. Die Gallbildung ist ein merkwürdiges, weit verbreitetes Phänomen. Eine Pflanze produziert ein recht ansehnliches Gebilde, von dem sie selbst keinerlei Nutzen hat. Vielmehr dient die Wucherung nur dem Wohlergehen des Gall-Erregers (und seiner „Gäste“, wie wir sehen werden). Die Wirtspflanze stellt den tierischen Bewohnern Behausung, Nahrung, Witterungs- und Winterschutz zur Verfügung. Sie trägt ihrerseits allerdings auch keinen erkennbaren Schaden davon. Eine gesunde Pflanze hat einen solchen Überschuss an Vitalität, dass sie die Dienstleistungen für die Gallwespe und ihre Gemeinschaft gleichsam aus der Portokasse bezahlen kann.

Das beste Beispiel für diese so genannte „fremddienliche Zweckmäßigkeit“ sind unsere Eichen, die am stärksten von Gall-Insekten in Anspruch genommen werden. Alljährlich wachsen auf einem alten Eichenbaum Zehntausende von kleinen und großen Galläpfeln heran, ohne dass der Baum eine Minderung an Zuwachs oder Lebenskraft erkennen ließe.

Der Lebenszyklus der Rosengallwespe beginnt im Frühjahr, wenn die Weibchen die vorjährigen Gallen verlassen und ihre Eier mit Hilfe eines Legestachels in den Blattknospen absetzen. Innerhalb einer Woche schlüpfen die Junglarven und dringen nun tiefer in das Knospengewebe ein. Zugleich beginnt die Reaktion der Wirtspflanze, die nun fortlaufend Nährgewebe und Gallenhülle produziert, bis die endgültige Größe des Schlafapfels erreicht ist. Die Larven leben jeweils in getrennten Kammern und nähren sich vom pflanzlichen Gewebe der Galle. Im Herbst sind sie ausgewachsen. Nach der Überwinterung und einer kurzen Puppenruhe im April beginnt mit dem Schlüpfen der Wespchen der neue Zyklus.

Nur weibliche Wespen

Übrigens gibt es in unseren Breiten nur weibliche Rosengallwespen, aus deren unbefruchteten Eiern wiederum ausschließlich Weibchen sich entwickeln. Hier liegt ein Fall von „Jungfernzeugung“ (Parthenogenese) vor – Männchen sind dabei offenbar entbehrlich.

Wenn man Gallen im Spätwinter einsammelt und in eigenen Zuchtgläsern hält, kann man im Frühjahr den Schlupf der Gallwespen beobachten. Zugleich entwickeln sich auch ganz anders aussehende Insekten aus den Schlafäpfeln, Mitbewohner des eigentlichen Gall-Erregers, übrigens ausnahmslos Arten aus der großen Verwandtschaftsgruppe der Wespen. Während aber eine Art, die Schwarze Rosengallwespe, die Galle lediglich als Untermieterin bewohnt, sind die übrigen keineswegs harmlose Nachbarn, sondern Parasiten.

Kampf in der Galle

Die Larve der häufigen Rosenschlupfwespe zum Beispiel lebt von der Gallwespenlarve und tötet sie schließlich. Weitere sieben Arten verhalten sich ähnlich oder leben ihrerseits von den Larven der Schmarotzer, sind also Hyperparasiten. In der Mooskugel herrscht offensichtlich keineswegs eitel Friede und Idyllik. Der kleine Zoo mit seinen zehn Arten ist vielmehr eine Stätte ernster Auseinandersetzungen innerhalb einer Mini-Lebensgemeinschaft, deren Glieder jeweils sehr unterschiedliche Ernährungsformen und Rollen repräsentieren.

In den letzten Jahren habe ich diese bunte Artengemeinschaft, von der man bislang nur wenig wusste, recht intensiv studiert und aus 628 Rosengallen von 134 westfälischen Fundorten insgesamt 11.700 Gallbewohner sich entwickeln lassen. Um eine Vorstellung von der Größenordnung der Befunde zu geben: 3.264 Gemeine Rosengallwespen, 1.659 Schwarze Rosengallwespen und 4.950 Rosenschlupfwespen wurden erfasst, um nur die häufigeren Arten zu nennen. Alle zehn zu erwartenden Arten konnten nachgewiesen werden. Nach der Bestimmung wurden die Winzlinge in die Freiheit entlassen (mit Ausnahme einiger Belegexemplare).

Altes Schlafmittel

Nebenbei: Wie erklärt sich eigentlich die Bezeichnung „Schlafapfel“? Antwort: Die moosige Galle fand ehedem in der Volksmedizin Verwendung, und zwar als mildes Schlafmittel, das man sich bei Bedarf unter das Kopfkissen legte. Wenn’s denn geholfen hat …

 
 

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