Rollstuhlfahrer aus Menden wagt WM-Reise an den Zuckerhut

Pia Maranca
Dimitrios Tsiropoulos will das Leben genießen. Er freut sich auf seine Reise zur Fußball-WM nach Brasilien.
Dimitrios Tsiropoulos will das Leben genießen. Er freut sich auf seine Reise zur Fußball-WM nach Brasilien.
Foto: WP
Dimitrios Tsiropoulos (40) will das Leben genießen. Er reist zur Fußball-WM nach Brasilien. Mit Rollstuhl. In dem sitzt der gebürtige Mendener seit einem schweren Verkehrsunfall vor 20 Jahren. Die Diagnose: Tetraplegie, eine Form der Querschnittslähmung. Doch die Bewältigung seines Schicksals macht Mut. Nicht nur für andere Menschen mit Behinderungen.

Menden/Heidelberg. Weiterleben oder aufgeben? „Am Anfang schien alles zu Ende zu sein“, sagt Dimitrios Tsiropoulos. Vor 20 Jahren kracht der damals 20-Jährige auf dem Nachhauseweg von der Arbeit mit seinem Auto in den Seitenstreifen. Halswirbel sind ineinander verkeilt, Knochensplitter sind ins Rückenmark gedrungen. Die Diagnose: Tetraplegie, eine Form der Querschnittslähmung, bei der alle vier Gliedmaßen, also sowohl Beine als auch Arme, betroffen sind.

Heute sagt der 40-Jährige: „Ich will das Leben genießen.“ Die Bewältigung seines Schicksals ist eine Mutmacher-Geschichte. Nicht nur für andere Menschen mit Behinderungen, sondern auch für all jene, die manchmal ängstlich sind.

In Menden aufgewachsen

Dimitrios Tsiropoulos ist ein Mendener Jung’. Er wächst hier auf, geht hier zur Schule und lernt auch Fußballspielen. In der Jugend des BSV Menden trainieren ihn über mehrere Jahre Werner Schäfer, Olaf von Germeten oder Günter Leestmann. Nach dem Schulabschluss entscheidet er sich dafür, eine Ausbildung zum Hotelfachmann in Iserlohn-Letmathe zu machen. „Ich wollte über meinen Beruf andere Länder kennen lernen.“ Dann kommt der Unfall – und verändert sein Leben komplett.

18 Monate ist Dimitrios in Krankenhäusern, muss dort nach der Akutbehandlung in der Reha wie ein kleines Kind Bewegungsabläufe neu erlernen. Körperlich eingeschränkt zu sein, das ist für den sportbegeisterten jungen Mann niederschmetternd. Er braucht auch heute eine 24-Stunden-Assistenz. Am 1. Mai 1996 organisiert Werner Schäfer ein Benefizturnier im Huckenohl-Stadion für seinen ehemaligen Schützling. Und nach und nach blüht sie wieder auf, die Lust am und auf das Leben.

Im Jahr 2001 verlässt Dimitrios Tsiropoulos Menden, er zieht nach Heidelberg, um sich dort umschulen zu lassen und ein Stück Selbstständigkeit zurück zu gewinnen. In dieser Stadt lebt er noch immer, heute in einer Zweier-WG, hier engagiert er sich unter anderem für den Beirat von Menschen mit Behinderungen. Der Kontakt nach Menden aber ist eng, ein großer Teil seiner Familie lebt noch hier.

Zwei Freunde begleiten Dimitrios Tsiropoulos nach Brasilien 

Am 27. Juni, einen Tag vor Beginn der WM-Endrunde, steigt der gebürtige Mendener ins Flugzeug, von Frankfurt geht es nach Fortaleza in Brasilien. Die Hälfte seines 20-Kilo-Gepäcks nehmen medizinische Hilfsmittel ein. Zwei Freunde und Helfer begleiten ihn auf der Drei-Wochen-Reise, einer von ihnen ist der Brasilianer Upiara, dessen Schwester in Fortaleza wohnt. Dort will sich Dimitrios ein Achtelfinal- und ein Viertelfinalspiel anschauen, die Tickets für die rollstuhlgerechten Plätze hat er über das Internet gebucht.

Die Reise wird herausfordernd, der Zehn-Stunden-Flug ist anstrengend, das schwül-heiße Wetter wird ihn sicherlich manchmal schaffen, schätzt der 40-Jährige. Und mögliche andere Gefahren? „Angst habe ich nicht, ich bin gern mit anderen Menschen zusammen und begegne ihnen offen.“ Ebenso positiv seien bislang die Reaktionen derer gewesen, die ihm begegnet sind.

Dimitrios tippt auf Griechenland

Warum nimmt er diese Prozeduren auf sich? „Fürs Reisen gibt es keine Reha“, sagt der 40-Jährige. „Ich möchte zeigen, dass Reisen im Rollstuhl möglich ist.“ Und wer wird Weltmeister? Der Tipp von Dimitrios Tsiropoulos: „Das ist schwierig: Ich glaube aber an Griechenland.“

„Rollstuhl-Reise-Blog“ mit Geschichten und Videos zur WM 

Die Lust, andere Länder und ihre Kulturen kennen zu lernen, hatte Dimitrios Tsiropoulos schon immer. Die Neugierde ist auch nach dem Unfall weiter gewachsen. Der heute 40-Jährige ist vor zwei Jahren drei Monate lang mit einem VW-Bus über den Balkan gereist – mit Helfern, die ihn im Alltag unterstütz haben. Darüber hat er ein Blog im Internet geschrieben.

Das soll jetzt mit neuen Geschichten und Videos zur Fußball-WM gefüllt werden. Eine kleine Kamera packt er deshalb mit in seinen Koffer. Dimitrios Tsiropoulos spricht neben Deutsch auch Griechisch und Englisch. „Ich möchte in Brasilien hinter die Kulissen schauen und Einheimische kennen lernen“, sagt er.

Dimitrios’ „Rollstuhl-Reise-Blog“ ist unter www.kopeli-on-tour.com zu finden. Dort kündigt der gebürtige Mendener auch die große Brasilien-Reise an: „Einen genauen Plan haben wir natürlich nicht. Wir entscheiden spontan vor Ort. Je nach örtlichen Gegebenheiten, Straßen, Klima und Menschen denen wir dort begegnen. Ich bin schon total gespannt, wie sich die Tour entwickelt.“

Auf Blog soll Link zu Spendenkonto erscheinen

Auf seinem Blog will Dimitrios Tsiropoulos auch einen Link zu einem Spendenkonto veröffentlichen. Er sucht Menschen, die die Reise finanziell unterstützen.