„Luther habe ich sehr früh entdeckt“

Journalisten-Ehepaar: Christian Nürnberger und Petra Gerster.
Journalisten-Ehepaar: Christian Nürnberger und Petra Gerster.
Foto: B. Engel
Journalistin und Buchautorin Petra Gerster spricht im Interview über Religion, Kirche und Ehe. Moderatorin am 6. Dezember in Menden.

Menden.  Petra Gerster und ihr Mann Christian Nürnberger stellen am Dienstag, 6. Dezember, in der Heilig-Geist-Kirche ihr Luther-Buch „Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne“ vor. Mit der ZDF-Nachrichtenfrau sprach Jürgen Overkott.


Sie stammen aus Worms, wo Luther einst vor dem Reichstag seine Thesen widerrufen sollte. Macht sich Luthers Einfluss in der Stadt immer noch bemerkbar?
Petra Gerster: Gerade jetzt beschäftigt sich das mehrheitlich protestantische Worms wieder intensiv mit seiner Geschichte als Lutherstadt – ein Titel, auf den die Stadt zu recht stolz ist. Die Bedeutung der Reformation für Worms spiegelt sich auch in dem großen Lutherdenkmal wider, das die Stadt im 19. Jahrhundert nicht nur für den Reformator selbst, sondern auch seine Vorgänger, Mitstreiter und Gegner errichtet hat. Bis heute kommen Touristen aus aller Welt, vor allem aus den USA, wegen Luther nach Worms.
Welche Rolle spielte der Glaube in Ihrer Familie?
Religion und Kirche waren immer Gesprächsthema im Hause Gerster – schon deshalb, weil es überzeugte Protestanten (Familie mütterlicherseits) und eine sehr katholische Seite väterlicherseits gab. Die vier Kinder wurden katholisch getauft, unterlagen aber auch dem protestantisch-„ketzerischen“ Einfluss von Mutter und Großmutter. Das hat uns kritisch werden lassen gegenüber der Institution Kirche, wie Katholiken sie verstehen. Fromm war niemand in meiner Familie.


Früher wurden Gegensätze zwischen den christlichen Konfessionen vielerorts gelebt. Wie haben Sie das in jungen Jahren erlebt?
Ja, in manchen Familien spielte die Religionszugehörigkeit in meiner Kindheit noch eine Rolle, aber das änderte sich schnell. Für uns Kinder war völlig unwichtig, ob man evangelisch oder katholisch war.


Wann haben Sie Reformator Martin Luther für sich entdeckt?
Luther habe ich sehr früh entdeckt – wir wohnten ja nur fünf Minuten vom größten Lutherdenkmal der Welt entfernt! Da spielten wir, zwischen Melanchthon und Jan Hus, um den Giganten Luther auf seinem hohen Sockel herum. Und zuhause fiel der Name auch oft. Für meine Mutter war Luther ein Held, der es allen gezeigt hat.


Was reizt sie an diesem Mann?
Das, was schon meine Mutter bewundert hat: sein Mut, unter Einsatz seines Lebens gegen Kaiser und Papst aufzustehen, und seine Sprachgewalt, die bis unsere Zeit wirkt und unser Weltverständnis geprägt hat. Seine Theologie hingegen ist uns eher fremd heute.


Hat sich Ihre Einschätzung Luthers im Lauf Ihres Lebens geändert?
Ja, heute sehe ich ihn kritischer. Seine Einstellung zu Juden beispielsweise. Aber auch sein Verhalten den Bauern gegenüber ist kein Ruhmesblatt.
Was sehen Sie heute als seine herausragende Lebensleistung an, was als Fehler?
Mit seiner Übersetzung der Bibel hat er den Deutschen eine einheitliche moderne Sprache gegeben. Und der Anmaßung der alten Autoritäten ein Ende gemacht. Ab jetzt galten nur noch Schrift, Gewissen und Vernunft als Instanzen.


Luther, so scheint es, stand allein gegen alle. Bei dieser Betrachtung wird seine Frau ignoriert. Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen den beiden?
Für die damalige Zeit war diese Ehe geradezu modern. Das zeigt sich schon mit ihrem Beginn, denn es ist Katharina von Bora, die den ersten Schritt tut. Aber auch während der Ehe behält sie ihren eigenen Kopf und begegnet ihrem Mann durchaus auf Augenhöhe. Der Grund für ihr Selbstbewusstsein liegt in ihrer Bildung: Als Nonne hat sie im Kloster eine gute Erziehung und Bildung erworben und sogar passabel Latein gelernt. Luther schätzt und respektiert sie, vor allem auch weil sie sich als ungeheuer tüchtig erweist, den riesigen Haushalt schmeißt, sechs Kinder zur Welt bringt und dabei sogar noch das Vermögen vermehrt. Der Evangelischen Kirche laufen heute mehr Mitglieder davon als den Katholiken. Hat Luther – wenn auch ungewollt – etwas damit zu tun?
Protestanten sind auf Kirche und Pfarrer viel weniger angewiesen als Katholiken: Nach Luther brauchen sie deren Vermittlung nicht, um mit Gott in Kontakt zu treten – das ist ein möglicher Grund. Der mündige Bürger ist ja ein Ziel der evangelischen Kirche.

 
 

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