Keine neuen Spielhallen in der City

Hell beleuchtete Spielhalle in Menden.  Foto: Martina Dinslage
Hell beleuchtete Spielhalle in Menden. Foto: Martina Dinslage
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Menden.. Früher nannte man sie „Groschengräber“. Doch wo Spielautomaten heute stehen, sieht es wahrhaftig nicht wie in einer Gruft aus. Moderne Spielhallen sind hell und bunt beleuchtet. Ihr Betrieb ist offenbar so erfolgreich, dass sich bei der Stadt Menden immer wieder Betreiber auf der Suche nach weiteren Standorten melden. Während die Bauverwaltung neue Spielhallen auf bestimmte Stadtteile reduzieren will, warnen Suchttherapeuten angesichts des Spielotheken-Booms vor einem Anstieg der Spielsucht.

14 genehmigte Spielhallen gab es 2010 in Menden, aktuell haben nach Angaben der Stadtverwaltung 17 Betriebe eine Konzession. Auch die Zahl der Geldspielgeräte in der Hönnestadt ist in diesem Zeitraum gestiegen – von 120 auf 204. Damit liegt Menden im Trend. „Es gibt einen rapiden Anstieg der Zahl der Spielhallen“, sagt Jürgen Trümper. Er gehört zum „Arbeitskreis gegen Spielsucht“, der alle zwei Jahre den Markt der Spielhallen in der Bundesrepublik analysiert. In Unna betreibt der Arbeitskreis eine Beratungsstelle für Spielsüchtige und hat auch die Mendener Spielotheken-Szene im Blick.

Trümper registriert deshalb, dass die Stadt Menden versucht, das Wachstum der Szene zu steuern und Wildwuchs zu vermeiden. Zusätzliche Spielhallen sollen nicht mehr in der Innenstadt, sondern vornehmlich in gewerblich geprägten Stadtbezirken öffnen. Der Stadtrat hat entsprechend die Bebauungspläne für viele Straßenzüge geändert. Auf diese Weise will die Stadt einen „Trading-Down-Effekt“ in der City vermeiden, also eine Verschlechterung des unmittelbaren Umfeldes. Völlig verbieten dürfe man Spielhallen nicht, fasst Stefan Schulte von der Bauverwaltung die Rechtslage zusammen.

Steuer darf nicht drosseln

Zugegeben: Für die Stadt Menden sind Spielhallen auch alles andere als ein Glücksspiel – die Spielautomaten lassen es verlässlich in der Stadtkasse klingeln. 500 000 Euro wird Menden in diesem Jahr voraussichtlich aus dem Betrieb der Spielautomaten einnehmen – das ist wie ein kleiner Sechser im Lotto. Denn 15 Prozent der Einspielergebnisse der Automaten gehen als Vergnügungssteuer an die Stadt. Für Geldspielautomaten in Gaststätten liegt die Vergnügungssteuer noch bei immerhin 13 Prozent. „Die Steuer hat auch einen Lenkungszweck“, sagt Martin Niehage von der Finanzabteilung im Rathaus. Forderungen nach einer noch höheren Vergnügungssteuer erteilt er aber eine Absage: „Die Steuer darf für den Spielhallenbetreiber keine drosselnde Wirkung haben“, fasst er die gesetzlichen Bestimmungen zusammen.

Dass die Betreiber ihrer Steuerpflicht nachkommen, kontrollieren die Finanzbeamten regelmäßig. „Wir haben da mit in Menden keine Probleme“, sagt Niehage. Diese Bewertung gilt auch aus Sicht des Ordnungsamtes. Dessen Mitarbeiter haben darauf zu achten, dass die Gewerbeordnung und der Jugendschutz eingehalten werden. Unter 18-Jährige beispielsweise dürfen die Spielothek nicht betreten und das Rauchen ist auch verboten, soweit es keine separaten Raucherräume gibt.

Lange Leidenswege

Suchttherapeuten bereitet im Falle der Spielotheken allerdings nicht der Nikotinkonsum große Sorgen. Das Spielen an den Automaten kann süchtig machen. „Spielsucht ist ein gesellschaftlich unterschätztes Problem“, sagt Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht. In der Beratungsstelle Unna des Arbeitskreises sind „90 Prozent der Hilfesuchenden Automatenspieler“, berichtet seine Kollegin, Suchttherapeutin Anna Müller-Bödige. Betroffen seien alle gesellschaftlichen Schichten „bis zum Rechtsanwalt oder Arzt“. Es gebe aber immer mehr jüngere Spielsüchtige. Müller-Bödige: „Es kommen schon 20-Jährige, die über Geldspielgeräte in den Kneipen oder über andere Medien eingestiegen sind.“

Wer den Schritt zu einer Beratungsstelle unternimmt, hat in aller Regel bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Anna Müller-Bödige spricht von gescheiterten Ehen, verlorenen Arbeitsstellen und heilloser Überschuldung. Denn das Glücksspiel ist bei Spielsüchtigen zum zentralen Lebensinhalt geworden. Wie bei „stofflichen Süchten“ drehe sich vieles darum, Geld für das nächste Spiel zu bekommen. In ambulanten oder stationären Therapien sollen die Betroffenen wieder ein Leben lernen, „in dem Zeit etwas Schönes ist, das man nicht am Automaten totschlagen muss“ – jenem „kalten, viereckigen Ding, das nur so lange lebt, wie man Geld reinwirft“.

Auf die Bedenken gegen Spielhallen reagiert die Landesregierung. Sie will per Gesetz die Öffnungszeiten von Spielhallen begrenzen und auch die Geldsumme, die ein Spieler pro Stunde verlieren kann (geplant sind 20 Euro).

Jürgen Trümper warnt allerdings vor „Einäugigkeit“ beim Kampf gegen Spielsucht. „Spielhallen sind die eine Riesenbaustelle, Online-Gaming und Sportwetten sind die beiden anderen.“ Besonders hoch sei die Steigerungsrate beim Online-Poker. Diese Spiele hätten den Anbietern neue Zielgruppen erschlossen, vor allem junge Leute. Es gebe auch viel mehr spielsüchtige Frauen als früher. Trümper: „Telefonische Gameshows sind fest in Frauenhand“.

 
 

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