„In Deutschland hat Essen keinen Wert mehr“

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Menden. Lebensmittel gibt es in Deutschland im Überfluss. Davon landen jährlich 11 Millionen Tonnen im Müll – größtenteils noch brauchbar. Deshalb hat sich die WP einmal in Firmen und Geschäften in Menden umgeschaut. Und festgestellt: Verschwendung sieht anders aus.

Markus Draht steht vor der Re-Food-Tonne seines Rewe-Markts. Hier kommt wirklich nur rein, was gar nicht mehr verwertbar ist, um später fachgerecht entsorgt zu werden. „Wegwerfen tut weh“, so der Inhaber des Supermarktes, „schließlich sind es Mittel zum Leben!“ In seinen Augen war die aktuelle Diskussion über die Wegwerfgesellschaft längst überfällig. Seine Erfahrung: „In Deutschland hat das Essen einfach keinen Wert mehr.“

Er selbst macht sich viele Gedanken darum, was mit der „nicht verkäuflichen Ware“ passiert. „In der Regel ist die Ware ja nicht verdorben, wenn wir sie aus den Regalen nehmen“, sagt Draht, „dann können wir sie nur nicht mehr verkaufen.“ Gekühlte Ware beispielsweise wird drei Tage, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, aus dem Verkauf genommen. Diese Ware gibt Draht generell an die Tafel weiter, speziell in Menden an den De-Cent-Laden. Auch Obst und Gemüse gibt er weiter, anstatt ein ganzes Netz wegen eines braunen Apfels wegzuwerfen. „Ich stelle mir dabei immer die Frage, ob ich es selbst noch kaufen würde. Wenn ich das nicht mit ja beantworten kann, gebe ich es auch nicht an De Cent. Schließlich sind das dort ja nicht Käufer Zweiter Klasse.“

Wie Markus Draht entscheiden auch andere Supermärkte in Menden selbst, was sie weitergeben möchte und was nicht. Die Fahrer des De-Cent-Ladens nehmen erst einmal alles mit. Vor Ort wird dann noch einmal sortiert. Mehrere Touren fahren sie jeden Vormittag und kommen mit mehreren Kisten mit Obst, Gemüse und Molkereiprodukten wieder. Auch Blumenläden und Bäckereien besuchen sie regelmäßig.

Seit 1998 gibt es den De-Cent-Laden für einkommensschwache Kunden in Menden. Marita Hill ist dankbar für diese Kooperationen. „Am Anfang mussten wir noch auf die Supermärkte zugehen, inzwischen fragen sie selbst nach, ob sie etwas abgeben können“, erzählt die stellvertretende Geschäftsführerin des SKM. Auch sonst habe sich in den letzten Jahren einiges verändert. „Es kommen deutlich mehr Leute zu uns als noch vor zwei Jahren. Vorher hatten wir 30 Besucher pro Öffnungstag, heute sind es 60“, sagt Hill, „gleichzeitig können die Supermärkte aber viel besser disponieren. Das bedeutet weniger Lebensmittel für uns.“ Für sie hat das Umdenken der Gesellschaft in Bezug auf Abfall zwei Seiten. Einerseits freut es sie natürlich, dass weniger Lebensmittel auf dem Müll landen, andererseits macht sie sich auch Sorgen um den De-Cent Laden und seine Kunden.

Glücklicherweise gibt es aber auch Unternehmer wie Andreas Lintz, der in seiner Bäckerei extra etwas für die Tafel zur Seite legt.

Denn eigentlich fallen in der Bäckerei so gut wie keine Reste an. „Ich verwerte generell alles weiter“, sagt Lintz. Von dem Restbrot macht er Sauerteig, aus alten Brötchen Paniermehl, Süßgebäck nutzt er später für süße Füllungen. Nur wenn etwas wirklich ungenießbar ist, kommt es in den Müll. In eine so genannte ReFood-Tonne. Das Unternehmen ReFood verwertet Küchen- und Speisereste weiter, bereitet den Abfall zu Düngemittel oder umweltfreundlicher Energie auf.

Ganz so einfach hat es Thomas Hoppe, Betriebsleiter für die Küchen der Katholischen Kliniken im Märkischen Kreis nicht. Im Krankenhaus gelten strenge Hygienevorschriften, die er auch bei der Entsorgung berücksichtigen muss. Wiederverwertung ist hier nicht möglich. Deswegen heißt das Zauberwort Kalkulation. Eingekauft wird nach Erfahrungswerten, gekocht nach Bedarf. Die Patienten jeder Station können täglich wählen zwischen Vollkost, leichter Kost und vegetarischer Kost. „Wir verkochen dann natürlich nicht alles, sondern nehmen nur das aus dem Lager, was wir dann für die gewünschte Anzahl an Gerichten benötigen.“ Natürlich gibt es auch immer wieder Fehlkalkulationen, wenn sich beispielsweise der Zustand eines Patienten verschlechtert und das Essen dann nicht gebraucht wird. „Außerdem kochen wir fünf bis sechs Essen mehr am Tag, falls es Neuaufnahmen gibt“, erklärt Hoppe. Selbst wenn diese zusätzlichen Gerichte nicht angerührt werden, müssen sie anschließend weggeworden werden – so steht es im HACCP-Konzept (Hazard Analysis and Critical Control Points-Konzept) für Krankenhausküchen.

„Natürlich versuchen wir trotzdem, so wenig wie möglich Abfälle herzustellen, auch wenn es die äußeren Zwänge nicht immer zulassen“, sagt Hoppe, dem es hierbei um die ideelle Einstellung geht, „ich sage meinen Mitarbeitern immer, dass ein Kilogramm Müll einen Wert von zwei Euro hat.“

Und Thomas Hoppe wiederholt das, was auch die anderen Unternehmer erkannt haben: „Wir werfen Werte weg! Das muss, so gut es geht, reduziert werden.“

 
 

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