Ehepaar hat viele Jahre gemeinsam das Kreuz getragen

Corinna Schutzeichel
Manche Prozessionsteilnehmer gehen besonders gerne abends oder nachts über den Berg – allein mit ihren Gedanken.
Manche Prozessionsteilnehmer gehen besonders gerne abends oder nachts über den Berg – allein mit ihren Gedanken.
Foto: WP

Menden.  Zur Ruhe kommen, mit seinen Gedanken bei sich sein, Dankbarkeit fühlen, Buße tun. Die Motivation, warum jemand in den Karfreitagsprozessionen das Kreuz über den Kapellenberg trägt, ist individuell verschieden. Eines aber ist praktisch allen Kreuzträgern gemeinsam: Sie haben eine höchst persönliche Entscheidung getroffen, von der nur das engste Umfeld etwas weiß. Ähnlich ist es auch bei dem Mendener Ehepaar, das – wie alle Kreuzträger – anonym bleiben will.

Für beide ist es von Kindesbeinen an Tradition, vor Ostern über den Berg zu gehen. Die Karfreitagsprozession, die es in Menden seit mehr als 325 Jahren gibt, ist als Termin im Jahreskalender der Familie fest verankert. Und so haben es auch ihre eigenen Kinder kennen gelernt. Mitte der 90er Jahre haben sich die beiden bei der Auslosung der Stundenprozessionen beworben – und haben von da an rund 15 Jahre lang vor Ostern das Kreuz über den Berg getragen. Manchmal einmal, manchmal aber auch mehrmals in den Stunden zwischen Gründonnerstagabend und Karsamstagmorgen. Der Ehemann vorne als Jesus, die Ehefrau am Ende des Kreuzes als Simon: „Früher war die Auslosungsandacht sehr voll“, erinnert sich die Mendenerin. „Da ein Los zu ergattern, das war wie ein Sechser im Lotto.“ Mittlerweile ist die Zahl der Bewerber zurückgegangen.

Mit dem knapp 20 Kilogramm schweren Holzkreuz auf dem Rücken über den Berg zu gehen, „ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch psychisch“, sagt die Mendenerin. „Aber wenn man es wirklich will, dann schafft man es.“ Eine besondere Herausforderung sei der Weg die Bittfahrt hoch. Es helfe sehr, wenn Jesus und Simon ein eingespieltes Team seien wie sie und ihr Mann.

Erstes Zwischenziel ist die Antoniuskapelle, „da fällt dann auch im übertragenen Sinn eine Last von einem ab“. Dort, wo das Ehepaar auch geheiratet hat. Danach geht es zwar immer bergab, aber mit dem Kreuz auf den Schultern ist der Weg durch den Wald alles andere als ein Spaziergang.

Danke sagen

Die beiden Mendener haben das Kreuz immer am liebsten nachts getragen, in aller Stille. Allein mit ihren Gedanken. Und was hat sie all die Jahre angetrieben, immer wieder das schwere Holzkreuz über den Berg zu tragen? „Da ist sicher ganz viel Dankbarkeit“, sagt die Mendenerin. „Unseren Familien geht es gut. Dafür kann man auch mal Danke sagen.“ Der Weg die steile Bitfahrt hoch, sei ihr persönlicher Bußweg, meint die Mendenerin nachdenklich. „Man ist ja nicht immer nur lieb und nett im Leben, manchmal verletzt man ohne nachzudenken auch andere Menschen. Und auf diesem Weg büßt man ein bisschen.“

Für das Ehepaar ist die Kreuztracht immer eine „unglaublich friedliche und befriedigende Angelegenheit“. Die Sinneseindrücke sind auf ein Minimum reduziert. Durch die Perücke, die einen Großteil des Gesichts verdeckt, um die Anonymität der Kreuzträger zu gewährleisten, ist das Sichtfeld stark reduziert. Eine gute Freundin, ein guter Freund, gehen neben Jesus und Simon, leuchten mit Taschenlampen auf den Boden, geben Zuspruch, wenn der Puls rast und der Körper schmerzt. Grenzenloses Vertrauen in einen anderen Menschen, um auf dem Weg nicht zu straucheln.

„Man verliert jegliches Zeitgefühl“, beschreibt die Mendenerin die 2,5 Kilometer lange Strecke über den Berg. Im Alltag geht es den beiden Mendenern wie wohl vielen Menschen: „Wann nimmt man sich denn mal wirklich Zeit für sich allein, um in aller Stille nachzudenken?“ Ohne Fernseher, ohne Handy, ohne sonstige Ablenkungen. Der Kreuzweg entschleunigt jeden. Und die Gedanken kommen von alleine.

Den inneren Frieden, die Stille, nehmen die beiden auch immer ein bisschen mit nach Hause: „Vieles fällt dann von einem ab, das man vorher noch auf dem Kreuz getragen hat.“

Wunsch nach innerem Frieden

Die Mendenerin erinnert sich allerdings auch an unangenehme Zwischenfälle. Zum Beispiel, wenn auf dem Weg durch die Innenstadt angetrunkene Zeitgenossen über die Prozession spotten. Oder wenn manche neugierig versuchen, unter den langen Haaren einen Blick auf das Gesicht der Kreuzträger zu werfen. Oder wenn einige Kreuzweg-Gänger sich während der Prozession lautstark unterhalten, „so dass man den Eindruck hat, die hätten sich besser an der Theke einer Kneipe getroffen“.

Eines steht für das Ehepaar fest – ob als Kreuzträger oder Kreuztracht-Teilnehmer: „Wir könnten uns nicht vorstellen, in Menden zu wohnen und nicht mitzugehen.“ Und das immer mit dem Gefühl von Dankbarkeit und dem Wunsch nach innerem Frieden.